(Registrieren)

Rheinische Post: Die SPD zerstört sich selbst

Geschrieben am 31-07-2008

Düsseldorf (ots) - Von Sven Gösmann

Die SPD will mit Wolfgang Clement ihren ehemaligen Berliner
"Superminister" für Wirtschaft und Arbeit und NRW-Ministerpräsidenten
wegen parteischädigenden Verhaltens ausschließen. Clement ist der mit
Abstand ranghöchste Sozialdemokrat, dem Deutschlands älteste Partei
seit 1917 den Stuhl vor die Tür stellte. Er ist nach eigenem Bekunden
"vom Donner gerührt". Und selbst wenn der Beschluss auf dem
Instanzenweg kassiert werden sollte, ist das Desaster für die SPD
bereits perfekt.
Nur weil Clement als Zeitungskolumnist von der Wahl der
wirtschaftsfeindlichen hessischen SPD-Spitzenkandidatin Andrea
Ypsilanti gewarnt hatte und auch sonst öfter quer zur konfusen
Parteilinie liegt, soll er die SPD verlassen. Deutlicher kann eine
Partei ihre Orientierungslosigkeit nicht offenbaren. Die SPD hat
unter ihrem grotesk überforderten Parteichef Kurt Beck ihren Kompass
verloren. So wird der Wunsch nach dem Rauswurf Clements zusätzlich
mit seiner Urheberschaft der Hartz-IV-Reformen begründet. Folgte man
dieser Argumentation, müsste die SPD als nächstes ihre
Ex-Vorsitzenden Gerhard Schröder und Franz Müntefering sowie ihren
wahrscheinlichen Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier
ausschließen - sie waren ebenfalls Autoren der Agenda 2010.
Die Sozialdemokratie, für die Clement, aber auch Peer Steinbrück,
Helmut Schmidt, Friedhelm Fahrtmann oder Klaus von Dohnanyi stehen,
wurzelte in einem emanzipatorischen Weltbild und einem praktischen,
keinem theoretischen Gerechtigkeitsbegriff. Als das Eintreten für
"Freiheit von Unterdrückung" umschreibt das Steinbrück. Das ist
allerdings hinderlich für alle in der SPD, die Bündnisse mit der
SED-Nachfolgeorganisation "Die Linke" anstreben.
Die Clement-SPD war staatstragend, nicht staatsgläubig, offen für die
Belange der Wirtschaft und den Fortschritt. Selbst wenn aus diesem
Ansatz nicht immer gute Politik erwuchs - Clement gehört zu den
erfolglosesten NRW-Ministerpräsidenten -, so ist er nicht falsch.
Diese Berechenbarkeit der SPD hat über Jahrzehnte zu ihrem Vorteil
gewirkt, zu einem stabilen Parteiengefüge und damit zu einem
funktionierenden Gemeinwesen beigetragen. Die SPD der Andrea Nahles
und Klaus Wowereit, die sich mit dem Ausschlussbegehren gegen Clement
durchsetzte, propagiert dagegen den allumfassenden (Sozial-)Staat und
somit die Entmündigung des Einzelnen unter dem Deckmantel der
Fürsorge.
Clement wollte das nicht kampflos zulassen, sondern um den richtigen
Weg streiten. Dies funktioniert in der modernen Demokratie weniger
über Ortsvereinsversammlungen als über die Auseinandersetzung in den
Medien. Es ist auf keinen Fall verwerflich, sondern ehrenwert. Die
Ausschluss-Entscheidung gegen Clement ist deshalb ein Sieg der
seelenlosen Funktionärs- über die Volkspartei. Und sie ist ein
weiterer Nagel zum Sarg der SPD.

Originaltext: Rheinische Post
Digitale Pressemappe: http://www.presseportal.de/pm/30621
Pressemappe via RSS : http://www.presseportal.de/rss/pm_30621.rss2

Pressekontakt:
Rheinische Post
Redaktion

Telefon: (0211) 505-2303


Kontaktinformationen:

Leider liegen uns zu diesem Artikel keine separaten Kontaktinformationen gespeichert vor.
Am Ende der Pressemitteilung finden Sie meist die Kontaktdaten des Verfassers.

Neu! Bewerten Sie unsere Artikel in der rechten Navigationsleiste und finden
Sie außerdem den meist aufgerufenen Artikel in dieser Rubrik.

Sie suche nach weiteren Pressenachrichten?
Mehr zu diesem Thema finden Sie auf folgender Übersichtsseite. Desweiteren finden Sie dort auch Nachrichten aus anderen Genres.

http://www.bankkaufmann.com/topics.html

Weitere Informationen erhalten Sie per E-Mail unter der Adresse: info@bankkaufmann.com.

@-symbol Internet Media UG (haftungsbeschränkt)
Schulstr. 18
D-91245 Simmelsdorf

E-Mail: media(at)at-symbol.de

150974

weitere Artikel:
  • Weser-Kurier: Kumpanei statt Kontrolle in der Bremer Polizei? Drogenaffäre zieht Kreise: Staatsanwalt ermittelt nun auch wegen versuchter Strafvereitlung Bremen (ots) - BREMEN. Kumpanei statt Kontrolle? Ausgerechnet behördeninterne Kontrolleure der Bremer Polizei sollen versucht haben, illegale "Drogendeals" ihrer Kollegen zu vertuschen. Wegen versuchter Strafvereitlung ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen zwei Beamte der Innenrevision. Das berichtet der WESER-KURIER (Bremen) in seiner morgigen (Freitag-) Ausgabe. Ende Februar diesen Jahres waren Dienst- und Privaträume von insgesamt sechs Bremer Polizisten durchsucht worden. Dabei wurden Haschisch, Marihuana sowie eine ungenehmigte, mehr...

  • Westdeutsche Zeitung: Clement = von Alexander Marinos Düsseldorf (ots) - Wolfgang Clement hat das nicht verdient: diese Aufmerksamkeit, die ihm jetzt wieder zuteil wird. Schon als aktiver Politiker wurde er oft überschätzt. Die meisten seiner "Leuchtturm-Projekte", wie er eigene Initiativen gerne frei von jeder Bescheidenheit nannte, erreichten zwar nicht einmal die Leuchtkraft einer 20-Watt-Birne, kosteten die Steuerzahler aber im Ergebnis viel Geld. Nun ist Clement nur noch Ex-Bundesminister, Ex-Ministerpräsident und Ex-Parteivize. Es könnte, was ihn selbst am meisten beunruhigt, ruhig mehr...

  • Ostsee-Zeitung: OSTSEE-ZEITUNG Rostock zu Clement Rostock (ots) - Dass es mit Clement so weit kam und er kurz vor der Hessen-Wahl der Spitzenfrau Andrea Ypsilanti empfindlich vors Schienbein trat, hat vor allem mit der ungeklärten Richtungsfrage der Partei zu tun. Clement und andere stehen für den eher wirtschaftsliberalen Flügel der SPD. Jedoch ist der unter dem Eindruck der Linkspartei längst ins Abseits gedrängt worden. Die Umverteilungssozialisten unter Kurt Beck haben die Agenda 2010 abgemildert. Das Nein zur Atomkraft ist fast das einzige unstrittige SPD-Merkmal. Clement stellt mehr...

  • Allg. Zeitung Mainz: zu Israel - "Nicht so einfach" Mainz (ots) - "Endlich" dürfte gestern in Israel das meistgebrauchte Wort gewesen sein, endlich gibt Ehud Olmert auf. Israels Premier ist für das Land, das sich erneut anschickt, eine Friedensregelung mit den Palästinensern zu suchen, und deshalb dringend eine stabile innenpolitische Struktur braucht, zu einer unerträglichen Belastung geworden. Er stolpert jetzt zwar über eine Reihe von Korruptionsvorwürfen. Doch der wirkliche Grund, weswegen sich die ganze Nation von ihm angewendet hat, war seine Weigerung, die politische Verantwortung mehr...

  • Kölnische Rundschau: Kölnische Rundschau Kommentar zu Clements Parteiausschluss Köln (ots) - Nicht der Genosse Piefke JOST SPRINGENSGUTH zu Clements Parteiausschluss Es ist nicht der Genosse Pief ke, der da mal frech gewor den ist. Die Belastung der SPD heißt Wolfgang Clement, seit 38 Jahren Mitglied, war Spre cher der Partei, hat sich im Umfeld von Johannes Rau vom Journalisten zum Politiker ent wickelt und galt zuletzt als Aus hängeschild für Gestaltungswil len. Jedenfalls mit diesem An spruch war er Ministerpräsi dent und Bundeswirtschaftsmi nister. Einfach war er nie, dafür direkt. Da muss schon etwas vorgefal mehr...

Mehr zu dem Thema Aktuelle Politiknachrichten

Der meistgelesene Artikel zu dem Thema:

LVZ: Leipziger Volkszeitung zur BND-Affäre

durchschnittliche Punktzahl: 0
Stimmen: 0

Bitte nehmen Sie sich einen Augenblick Zeit, diesen Artikel zu bewerten:

Exzellent
Sehr gut
gut
normal
schlecht