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LVZ: Einsicht

Geschrieben am 01.05.2006 - [Nächster Artikel]

Leipzig (ots) - Von Birgit Schöppenthau
Eine Steilvorlage, wie sie Franz Müntefering mit seiner
Kapitalismuskritik im vorigen Jahr lieferte, bot sich den
Gewerkschaften in diesem Jahr nicht. Aber das hehre Motto der
Menschenwürde eignete sich ähnlich gut für einen Generalangriff auf
die soziale Kälte in der Marktwirtschaft. So überboten sich auch am
gestrigen 1. Mai die Sommers und Peters auf Kundgebungen mit
Warnungen und Mahnungen an die gut verdienenden Bosse deutscher
Konzerne.
Dennoch signalisiert der jüngste Tag der Arbeit wie selten zuvor
Einsicht. Weil nicht nur Lohnabschlüsse, Arbeitszeiten oder
subventionierte Jobs auf der Agenda der Funktionäre stehen. Wie nach
einer Phase der Besinnung gerät endlich wieder der Mensch in den
Fokus. Denn schließlich sind Menschen nicht nur der wichtigste
Rohstoff der Wirtschaft. Mit Arbeit sind sie außerdem der Motor für
den Aufschwung. Aber 4,8 Millionen Arbeitslosen wird derzeit in
Deutschland das Recht auf ein existenzsichernden Einkommen verwehrt.
Wiederum wächst der Druck auf Menschen mit gut bezahlten Jobs und
übersteigt schon teilweise die psychische Belastbarkeit. Nicht
billiger und länger, sondern besser und qualifizierter ist die
Devise. Was Müntefering als Mindestlohn festschreiben will, wird von
den Gewerkschaften als gesetzlich sanktionierter Dumpinglohn
verfehmt. War der gestrige 1. Mai ein versteckter Aufruf zum
Richtungswechsel?
Nun, eine Trendwende beschwören Gewerkschaftsbosse mit derartigen
Äußerungen nicht herauf. Aber sie lassen keinen Zweifel daran, dass
der momentane Trott auf der Baustelle Wirtschaft das Vorhaben
Arbeitsmarkt in die Insolvenz treibt. Denn nicht nur Deutschlands
größter Autobauer VW, symbolträchtig zentraler Maikundgebungsort,
droht mit Entlassungen. Auch DaimlerChrysler bereitet eine Zukunft
mit weniger Beschäftigten vor. KarstadtQuelle reißt das Ruder nicht
durch Immobilienverkäufe herum. Und für die AEGler in Nürnberg sind
die Tage bereits gezählt.
Diesen Abwärtstrend zu stoppen, sind Arbeitnehmervertreter ebenso wie
Konzernlenker gefordert. Nicht nur durch lautstarken Protest am Tag
der Arbeit. In Aufsichtsräten müssen sie Druck machen und
Einsparungskurse unterlaufen oder - wenn gerechtfertigt -
sozialverträglich mitgestalten. Bei VW geht es heute nicht nur um die
Zukunft vonBernd Pischetsrieder, sondern um die vakanten
Arbeitsplätze von 20 000 Automobilbauern. Dabei ist Augenmaß wichtig.
Tausende Arbeitnehmer in Ostdeutschland, wo Haustarife auch 40 und 42
Stunden Wochenarbeitszeit vorsehen, schütteln den Kopf, wenn
Gewerkschafter Bestandsschutz für die 28,8-Stunden-Woche in Wolfsburg
sichern wollen.
Natürlich bringt mehr Druck von unten nicht zwangsläufig mehr
Menschen in Arbeit. Aber in Verbindung mit Reformen wie dem
Jobprogramm für Arbeitnehmer jenseits der 50 könnte Schwung ins
Baugeschehen kommen. Dazu muss aber auch die große Koalition das
Potenzial der menschlichen Arbeitskraft in den Mittelpunkt stellen.
Dass der Kündigungsschutz weiter im Verborgenen glimmt, spricht nicht
gerade dafür.

Originaltext: Leipziger Volkszeitung
Digitale Pressemappe: http://presseportal.de/story.htx?firmaid=6351
Pressemappe via RSS : feed://presseportal.de/rss/pm_6351.rss2

Rückfragen bitte an:
Leipziger Volkszeitung
Redaktion

Telefon: 0341/218 11558
 
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