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Leipzig (ots) - Von Birgit Schöppenthau Eine Steilvorlage, wie sie Franz Müntefering mit seiner Kapitalismuskritik im vorigen Jahr lieferte, bot sich den Gewerkschaften in diesem Jahr nicht. Aber das hehre Motto der Menschenwürde eignete sich ähnlich gut für einen Generalangriff auf die soziale Kälte in der Marktwirtschaft. So überboten sich auch am gestrigen 1. Mai die Sommers und Peters auf Kundgebungen mit Warnungen und Mahnungen an die gut verdienenden Bosse deutscher Konzerne. Dennoch signalisiert der jüngste Tag der Arbeit wie selten zuvor Einsicht. Weil nicht nur Lohnabschlüsse, Arbeitszeiten oder subventionierte Jobs auf der Agenda der Funktionäre stehen. Wie nach einer Phase der Besinnung gerät endlich wieder der Mensch in den Fokus. Denn schließlich sind Menschen nicht nur der wichtigste Rohstoff der Wirtschaft. Mit Arbeit sind sie außerdem der Motor für den Aufschwung. Aber 4,8 Millionen Arbeitslosen wird derzeit in Deutschland das Recht auf ein existenzsichernden Einkommen verwehrt. Wiederum wächst der Druck auf Menschen mit gut bezahlten Jobs und übersteigt schon teilweise die psychische Belastbarkeit. Nicht billiger und länger, sondern besser und qualifizierter ist die Devise. Was Müntefering als Mindestlohn festschreiben will, wird von den Gewerkschaften als gesetzlich sanktionierter Dumpinglohn verfehmt. War der gestrige 1. Mai ein versteckter Aufruf zum Richtungswechsel? Nun, eine Trendwende beschwören Gewerkschaftsbosse mit derartigen Äußerungen nicht herauf. Aber sie lassen keinen Zweifel daran, dass der momentane Trott auf der Baustelle Wirtschaft das Vorhaben Arbeitsmarkt in die Insolvenz treibt. Denn nicht nur Deutschlands größter Autobauer VW, symbolträchtig zentraler Maikundgebungsort, droht mit Entlassungen. Auch DaimlerChrysler bereitet eine Zukunft mit weniger Beschäftigten vor. KarstadtQuelle reißt das Ruder nicht durch Immobilienverkäufe herum. Und für die AEGler in Nürnberg sind die Tage bereits gezählt. Diesen Abwärtstrend zu stoppen, sind Arbeitnehmervertreter ebenso wie Konzernlenker gefordert. Nicht nur durch lautstarken Protest am Tag der Arbeit. In Aufsichtsräten müssen sie Druck machen und Einsparungskurse unterlaufen oder - wenn gerechtfertigt - sozialverträglich mitgestalten. Bei VW geht es heute nicht nur um die Zukunft vonBernd Pischetsrieder, sondern um die vakanten Arbeitsplätze von 20 000 Automobilbauern. Dabei ist Augenmaß wichtig. Tausende Arbeitnehmer in Ostdeutschland, wo Haustarife auch 40 und 42 Stunden Wochenarbeitszeit vorsehen, schütteln den Kopf, wenn Gewerkschafter Bestandsschutz für die 28,8-Stunden-Woche in Wolfsburg sichern wollen. Natürlich bringt mehr Druck von unten nicht zwangsläufig mehr Menschen in Arbeit. Aber in Verbindung mit Reformen wie dem Jobprogramm für Arbeitnehmer jenseits der 50 könnte Schwung ins Baugeschehen kommen. Dazu muss aber auch die große Koalition das Potenzial der menschlichen Arbeitskraft in den Mittelpunkt stellen. Dass der Kündigungsschutz weiter im Verborgenen glimmt, spricht nicht gerade dafür.
Originaltext: Leipziger Volkszeitung Digitale Pressemappe: http://presseportal.de/story.htx?firmaid=6351 Pressemappe via RSS : feed://presseportal.de/rss/pm_6351.rss2
Rückfragen bitte an: Leipziger Volkszeitung Redaktion Telefon: 0341/218 11558
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