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BERLINER MORGENPOST: Kommentar zu den zweifelhaften Methoden von "Tatort Internet"

Geschrieben am 20-10-2010

Berlin (ots) - Kindesmissbrauch ist ein so wichtiges Thema, das
von dem, der es journalistisch aufarbeitet, höchste Sensibilität
verlangt. Dass es bei einem Boulevardsender wie RTL2 denkbar schlecht
aufgehoben ist, hätte man sich denken können. In welch eklatanter
Weise der Sender mit "Tatort Internet" journalistische Standards
missachtet, überrascht dennoch. Da werden Verdächtige nicht
ausreichend anonymisiert. Und als den Machern der Sendung der Leiter
eines Kinderdorfs ins Netz ging, unterrichteten sie darüber nicht
etwa die Jugendeinrichtung, sondern ließen den Beitrag bis zur
Ausstrahlung fünf Monate liegen. Es macht die Sache nicht besser,
dass RTL2 nun versprochen hat, Arbeitgeber von Kinder- und
Jugendeinrichtungen vorab zu informieren, sollten sie bei ihren
Recherchen auf Mitarbeiter ihrer Institutionen treffen. Denn es sind
nicht nur handwerkliche Fehler, wegen der "Tatort Internet" ein
völlig verunglücktes TV-Experiment ist. Das gesamte Konzept der
Sendung ist fragwürdig: Mutmaßliche Pädophile werden von der
Redaktion von "Tatort Internet" animiert, Kontakt zu einer angeblich
13-Jährigen aufzunehmen. Man könnte so etwas Anstiftung zum
Missbrauch nennen. Das wäre eine Straftat. Schon die Herbeiführung
einer verlockenden Situation reicht nach deutschem Recht aus, um sich
strafbar zu machen. Die Männer, die in der Sendung gezeigt werden,
müssen sich vor einer Journalistin rechtfertigen. Das war es dann
aber auch schon. Dafür, dass sie sich mit dem weiblichen Lockvogel
von "Tatort Internet" getroffen haben, sind sie strafrechtlich nicht
zu belangen. Was also soll das Ganze? Dass die Sendung einen
nennenswerten Aufklärungseffekt habe, wird von Praktikern wie Günter
Maeser, Leiter Netzwerk-Fahndung im Bayerischen Landeskriminalamt,
bestritten. Auch eine abschreckende Wirkung dürfte "Tatort Internet"
kaum haben. Kein Pädophiler dürfte wegen der Sendung von seinem Tun
lassen. Es ist allenfalls zu erwarten, dass der eine oder andere
künftig vorsichtiger vorgeht. So funktioniert "Tatort Internet" wie
die meisten Sendungen auf RTL2: Es geht ausschließlich darum, den
Voyeurismus der Zuschauer zu befriedigen. Rätselhaft bleibt, warum
die bisher gut beleumundete Stephanie zu Guttenberg, die sich schon
seit Langem für den Kinderschutz engagiert, diese fragwürdige
Produktion mit ihrem Auftritt adelte. Dass RTL2 nicht unbedingt für
Qualitätsfernsehen steht, war schon vor der Ausstrahlung von "Tatort
Internet" bekannt. Offenbar wird die Ministergattin nicht gut
beraten. "To Catch a Predator", das amerikanische Vorbild von "Tatort
Internet", wurde übrigens abgesetzt. Ein von der US-Sendung ausfindig
gemachter Verdächtiger erschoss sich. Der von "Tatort Internet"
vorgeführte Kinderdorfleiter wird noch immer vermisst. Eine Absetzung
des RTL2-Formats wäre also nur konsequent.

Originaltext: BERLINER MORGENPOST
Digitale Pressemappe: http://www.presseportal.de/pm/53614
Pressemappe via RSS : http://www.presseportal.de/rss/pm_53614.rss2

Pressekontakt:
BERLINER MORGENPOST

Telefon: 030/2591-73650
bmcvd@axelspringer.de


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