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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zur Bahn-Tarifeinigung

Geschrieben am 10.03.2008 - [Nächster Artikel]

Bielefeld (ots) - Es ist höchste Eisenbahn, dass die
Unterschriften unter dem Tarifvertrag der Bahn endlich trocknen. Für
einen neuen Lokführerstreik hätte wohl niemand mehr Verständnis
gehabt. Und viele fragen sich immer noch: Kann man dem Frieden an der
Bahnsteigkante wirklich schon trauen?
Es ist lange her, dass ein Tarifkonflikt in Deutschland mit so viel
Kampf und Krampf geführt wurde wie der Streit bei der Deutschen Bahn
AG. Tatsächlich ging es um viel. Wann immer irgendwo eine Gruppe in
einem festgefügten System eine Sonderrolle beansprucht, besteht die
Gefahr, dass andere sich ebenfalls benachteiligt fühlen und mit
eigenen Forderungen nachlegen.
Richtig scharf geworden ist der Streit trotzdem erst durch die
Tricksereien und Juristereien des Bahnvorstands. Letztlich sind
sowohl die Scheinangebote, bei denen Mehrbelastungen noch als
Lohnerhöhungen verkauft werden sollten, als auch die Versuche,
Streiks gerichtlich zu verbieten, gescheitert. Das Gleiche gilt für
Versuche Hartmut Mehdorns, getroffene Vereinbarungen nachträglich zu
verändern. Für die falschen Signalstellungen sollten die Eigentümer
ihm nachträglich noch das Gehalt kürzen.
Das wird vermutlich nicht geschehen. Dafür kann sich Mehdorns
Widerpart, Manfred Schell, jetzt als der Sieger des Tarifstreits
sehen. Angetreten ist er in der Rolle des Davids, der dem Goliath
alsbald das Fürchten lehrte. Dabei richtete sich seine Waffe zu
großen Teilen gegen die Bevölkerung. Man hätten vermuten können, dass
die Bahnkundschaft den Lokomotivführern einheizt, damit sie von ihrer
Sonderrolle absehen. Doch das Gegenteil trat ein. Hier wurde mancher
Frust, der sich aus langer Lohnzurückhaltung, den
Steuerhinterziehungen der Reichen und vor allem den zigfachen
Millionengehältern sowie noch höheren Abfindungen für Manager ergibt,
auf den Gleiskörpern der Bahn abgeladen.
Die Gewerkschaftsbewegung wird aufpassen müssen, dass sie sich nicht
zersplittert. Dass Verdi den Tarifkonflikt im öffentlichen Dienst
derzeit gemeinsam mit Beamtenbund, Polizeigewerkschaft und anderen
kleineren Arbeitnehmervertretungen führt, zeigt, dass der Weg in die
Atomisierung nicht zwangsläufig oder unumkehrbar ist. Und dass Schell
schon jetzt für 2009 »ganz normale« Tarifverhandlungen ankündigt,
beweist: Sogar der GDL-Chef ist sich bewusst, dass er den Bogen nicht
überspannen darf.
Trotzdem haben die Tarifauseinandersetzungen der Jahre 2007 und 2008
schon jetzt mittelfristige Weichen gestellt. Die Versuche vor allem
auf Seiten der Metallarbeitgeber, neue, sich am
Produktivitätsfortschritt und Unternehmensgewinn orientierende
Methoden der Lohnfindung auszuprobieren, stehen bis auf Weiteres auf
dem Abstellgleis.
Statt die Zahl der Streiktage angesichts der Schäden für Betriebe und
Volkswirtschaft zu reduzieren, wird sie jetzt durch die Sucht, schon
bei so genannten Warnstreiks die ganze Gewerkschaftsmacht zu
demonstrieren, nur noch weiter verlängert.

Originaltext: Westfalen-Blatt
Digitale Pressemappe: http://www.presseportal.de/pm/66306
Pressemappe via RSS : http://www.presseportal.de/rss/pm_66306.rss2

Pressekontakt:
Westfalen-Blatt
Nachrichtenleiter
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 - 585261
 
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