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Börsen-Zeitung: Ende einer Dienstfahrt, Kommentar von Walther Becker zu den Steuerhinterziehungsvorwürfen gegen Post-Chef Klaus Zumwinkel

Geschrieben am 14.02.2008 - [Nächster Artikel]

Frankfurt (ots) - Das ist bitter für den noch amtierenden
Post-Chef Klaus Zumwinkel: Kaum wird bekannt, dass seine Villa und
das Bonner Büro durchsucht werden, da setzt sich die Aktie der
Deutschen Post mit einem Plus von 5,3% an die Spitze des Dax. Die dem
seit 1990 amtierenden Konzernchef selbstverständlich zustehende
Unschuldsvermutung? Der Kapitalmarkt entscheidet gnadenlos,
unemotional - und fällt sein (Vor-)Urteil. Die Ära Zumwinkel findet
ein unrühmliches Ende, so viel lässt sich schon jetzt sagen, ohne dem
Manager damit in irgendeiner Weise eine Schuld zuzuschieben, die von
den Ermittlern erst noch bewiesen werden muss.

Der dienstälteste Vorstandschef im Dax steht unter Verdacht,
systematisch über Jahre hinweg Steuern hinterzogen zu haben. Aus
umfangreichen Aufzeichnungen eines Liechtensteiner Geldinstituts soll
hervorgehen, dass Zumwinkel auch überlegt habe, sein Vermögen nach
Asien oder auf die Cayman-Inseln zu verlagern. Razzia im Post-Tower
und in der Villa des am besten verdrahteten Manager der Republik,
Haftbefehl, gegen Kaution auf freiem Fuß - wer hätte das für möglich
gehalten?

Zumwinkel, der im Dezember 65 wird und dessen Vertrag im November
ausläuft, wird nach diesem beispiellosen Vorgang, von dem das
Fernsehen erstaunlich frühzeitig Wind bekam, kaum wieder zu "Business
as usual" in sein Büro 40 Stockwerke über dem Rhein zurückkehren
können - ob überhaupt und wie auch immer sich die Vorwürfe des
Staatsanwalts, die noch gar nicht im Einzelnen bekannt sind, als
stichhaltig erweisen.

Eine zukunftsträchtige Lösung für die Tochter Postbank und eine
Sanierung des defizitären US-Expressgeschäftes müssen nun der als
Kronprinz gehandelte Frank Appel und Finanzchef John Allan deichseln.
Auch an der Spitze des Aufsichtsrats der Telekom pressiert jetzt die
Nachfolge mehr als noch vor wenigen Tagen. Oder wusste man in Berlin
schon Ende voriger Woche mehr, als die Spekulationen darüber
aufkamen? Auch den Aufsichtsratsvorsitz bei der Post kann sich
Zumwinkel abschminken. Die Ämter niederzulegen, aus freien Stücken,
würde zwar vielfach als Schuldeingeständnis gedeutet. Doch trotz
aller möglichen populistischen Schlussfolgerungen aus einem solchen
Schritt wäre es die sauberste Lösung. Damit bewiese Zumwinkel ein
Feingefühl, das er, der einer der maßgeblichen Strippenzieher
hierzulande ist, an anderer Stelle kaum je vermissen ließ. Rücktritt
ist insofern jetzt eine Frage der politischen Hygiene.

Und keine Vorverurteilung. Es gilt natürlich auch hier: Im Zweifel
für den Angeklagten. Wer Zumwinkel jetzt schon als überführten
Steuerhinterzieher brandmarkt, der sollte sich an Wolfgang Röller,
den früheren Chef der Dresdner Bank, erinnern. Dieser hatte die
Aufsichtsratsspitze der Bank vorzeitig verlassen, um das Institut aus
einem privaten Steuerkonflikt herauszuhalten. Eine anonyme Anzeige
war gegen Röller eingegangen. Angeblich habe er über eine Stiftung in
Liechtenstein steuerlichen Ungereimtheiten Vorschub geleistet. Der
Beschuldigte wies alle Vorwürfe zurück; nach zähen
staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen wurde das Verfahren schließlich
eingestellt.

Ist es im Fall Zumwinkel die alte Leier: Wer viel bekommt, dem ist
es nicht genug? Kann da wieder einer den Hals nicht voll kriegen? Die
Erinnerung an das unrühmliche Kapitel der Aktienoptionen wird
natürlich wach, die Zumwinkel bar jeder Sensibilität im Dezember 2007
zu einer Zeit ausübte, als der Aktienkurs wegen des verabschiedeten
Mindestlohnes anzog und der kleinere Rivale Pin Group einen enormen
Personalabbau eben mit dieser Entgeltregelung begründete. Dass sich
Zumwinkel später dafür entschuldigte, änderte nichts daran, dass er
spätestens seitdem einen Ruf als Raffzahn weghat. Doch es erscheint
völlig aberwitzig, dass es gerade mal 1 Mill. Euro sein soll,
weswegen ein Spitzenmanager, der zuletzt 2,9 Mill. Euro verdiente, es
derart darauf ankommen lässt und wegen solcher "Peanuts" sein
Lebenswerk ruiniert. Dabei bräuchte der Mann seit 40 Jahren nicht
mehr zu arbeiten. Er ist Multimillionär, nachdem er das mit seinem
Bruder geerbte Handelsgeschäft verkaufte. Hat er "bloß" falsche
Berater? Das darf einem Mann in seiner Position erst recht nicht
passieren.

Auch aus Kapitalmarktsicht ist der Zeitpunkt gekommen, den Weg
freizumachen für einen Neuanfang. Die Spekulationen über den
Aufsichtsratsvorsitz der Telekom, die Nachfolge bei der Post, die
Zukunft der Postbank, die erforderlichen Einschnitte im US-Geschäft,
die weitere Privatisierung via KfW, ein Aktienkurs, der mehr als
sieben Jahre nach dem Börsengang gerade einmal über den
Emissionspreis schaut: Ein Vorstandschef, der Probleme schleifen ließ
und harsche Kritik seiner Investoren einstecken musste, kann sich
schlecht um beides kümmern: seine "weiße Weste" und die
Neuaufstellung des 26 Mrd. Euro schweren weltgrößten Logistikers. Es
ist die Causa Zumwinkel in persona und kein Fall Deutsche Post. Das
muss der - ob zu Recht oder Unrecht - Beschuldigte ins Kalkül ziehen.
Es geht um das Ende seiner Dienstfahrt.

(Börsen-Zeitung, 15.2.2008)

Originaltext: Börsen-Zeitung
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