(Registrieren)

Gedenktag 21. Juli: Drogentod verhindern - Behandlung für alle

Geschrieben am 20-07-2020

Berlin (ots) - Deutsche Aidshilfe kritisiert: Viele Drogenkonsument_innen haben keinen Zugang zur Substitutionstherapie oder überhaupt zu medizinischer Versorgung. Jetzt Lücken schließen und Leben retten.

Die Zahl des Tages am morgigen Dienstag lautet: 1.398. So viele Menschen haben im letzten Jahr durch Drogenkonsum und die Folgen einer repressiven Drogenpolitik ihr Leben verloren. Die meisten könnten noch leben. Am 21. Juli wird an sie erinnert - am "Internationalen Gedenktag für verstorbene Drogengebraucher_innen". In Deutschland finden mehr als 30 Gedenkveranstaltungen statt.

Eine bedeutende Ursache für drogenbedingte Todesfälle ist fehlender oder unzureichender Zugang zur Gesundheitsversorgung, vor allem zur Substitutionsbehandlung, also den Ersatz von Heroin durch ein Medikament. Anlässlich des Gedenktages fordert die Deutsche Aidshilfe darum die Verantwortlichen in Bund, Ländern und Kommunen auf:

Schaffen Sie Zugänge zu einer umfassenden Gesundheitsversorgung und zu risikominimierenden Maßnahmen für alle Drogenkonsument_innen, die in Deutschland leben - auch für Inhaftierte und Menschen ohne Krankenversicherung oder Papiere.

Dazu sagt Winfried Holz vom Vorstand der Deutschen Aidshilfe (DAH):

"Gesundheit ist ein Menschenrecht und daher nicht verhandelbar. Wir haben alle Mittel, Todesfälle zu verhindern und die Gesundheit abhängiger Menschen zu erhalten. Mit dem entsprechenden politischen Willen könnten in Deutschland so viel mehr Menschenleben gerettet, so viel mehr Infektionen verhindert werden!"

Zurzeit wird nur etwa die Hälfte der rund 160.000 Menschen, die in Deutschland Heroin und andere Opioide konsumieren, substituiert. Zwei Maßnahmen sind nötig, um diese Zahl zu erhöhen:

- Zum einen braucht es generell einen leichteren Zugang. Denn die Hürden sind für viele hoch, zum Beispiel durch eine Pflicht zur täglichen kontrollierten Einnahme des Medikaments in der Substitutionspraxis und die Erwartung, dass auch Alkohol- oder Medikamentenkonsum schnell reduziert werden. - Zum anderen muss diese Standardtherapie auch für Menschen ohne Krankenversicherung oder Papiere geöffnet werden. Denn viele Drogen konsumierende Menschen in Deutschland sind aus Ländern wie Syrien, Afghanistan oder dem Iran geflohen, andere sind aus Osteuropa hierhergekommen. Nach dem Asylbewerberleistungsgesetz erhalten Geflüchtete jedoch nur eine medizinische Notversorgung, in der Regel keine Substitutionsbehandlungen oder Psychotherapien. Dabei sind mehr als 40 Prozent der seit 2015 nach Deutschland Geflüchteten durch Kriegserlebnisse traumatisiert oder haben schwere psychische Belastungen durch Ausgrenzung und Verfolgung erlebt - oft ein Grund für Drogenkonsum. Für Menschen ohne Aufenthaltspapiere muss die medizinische Versorgung auch anonym möglich sein.

Fortschritte der Corona-Zeit nutzen

Die Corona-Krise hat bei der Versorgung von Drogenkonsument_innen bereits viele Fortschritte ermöglicht.

Weil viele weder ihre Substanzen noch das erforderliche Geld beschaffen konnten, steckten sie in besonderen Notsituationen. Zudem waren Abstandsregeln in den Substitutionspraxen schwer einzuhalten.

Im Rahmen von Notfallsubstitution wurde die Substitutionstherapie neuen Patient_innen zugänglich gemacht. In vielen Kommunen - zum Beispiel in Berlin, Hamburg und Hannover - wurden zusätzliche leicht erreichbare Angebote geschaffen, auch für Menschen ohne Krankenversicherung oder Papiere.

Zugleich wurden die Regularien gelockert: Patient_innen können nun einen größeren Vorrat der Medikamente mit nach Hause nehmen und müssen darum nicht mehr täglich in die Praxis kommen.

"Die gelungene Reaktion auf die Notlage durch die Corona-Epidemie hat gezeigt: Wir können viel mehr Menschen erreichen. Viele wollen sich behandeln lassen, hatten bisher aber keine Chance. Die Fortschritte, die aus der Krise erwachsen sind, gilt es nun zu sichern und flächendeckend zu erreichen", betont DAH-Vorstand Winfried Holz.

Viele ungenutzte Möglichkeiten

Außerdem bleiben noch viele Möglichkeiten ungenutzt, das Leben und die Gesundheit von Drogen konsumierenden Menschen zu schützen und Infektionen zu verhindern. Dringend geboten sind:

- die regelhafte Abgabe von Naloxon-Nasenspray an möglichst viele Drogenkonsument_innen und potenzielle Ersthelfer_innen, zum Beispiel in Drogenhilfe und Polizei. Das leicht zu verabreichende Notfallmedikament rettet bei einer Überdosis Heroin Leben. - eine umfassende medizinische Versorgung für alle Drogen konsumierenden Menschen in Deutschland - einschließlich einer HIV- und Hepatitis-C-Behandlung. - die Gleichbehandlung von Menschen in Haft, die ihnen gesetzlich zusteht: Häufig haben auch sie zum Beispiel keinen Zugang zur Substitution oder zur Hepatitis-C-Therapie. - Vergabe sauberer Spritzen und Konsumutensilien in Gefängnissen, die zahlreiche Infektionen verhindern würden. - Drogenkonsumräume in allen Bundesländern - bisher gibt es diese Einrichtungen nur in acht Bundesländern - obwohl sie nachweislich Leben retten.

"Jährlich die Zahl der Drogentoten zu beklagen bleibt ein Lippenbekenntnis, so lange nicht alle Möglichkeiten fürs Überleben ausgeschöpft werden. Gedenken heißt darum auch, auf eine Drogenpolitik zu drängen, die alle wissenschaftlich abgesicherten Instrumentarien zum Schutz von drogenkonsumierenden Menschen ermöglicht", sagt DAH-Vorstand Winfried Holz.

Gedenkseite für verstorbene Drogengebraucher_innen auf aidshilfe.de (https://www.aidshilfe.de/gedenktag)

Lokale Veranstaltungen zum Gedenktag beim JES Bundesverband (https://www.gedenktag21juli.de/)

Pressekontakt:

Deutsche Aidshilfe
Holger Wicht, Pressesprecher
Tel. (030) 69 00 87 - 16
presse@dah.aidshilfe.de http://www.aidshilfe.de

Weiteres Material: http://presseportal.de/pm/14407/4656733
OTS: Deutsche AIDS-Hilfe

Original-Content von: Deutsche AIDS-Hilfe, übermittelt durch news aktuell


Kontaktinformationen:

Leider liegen uns zu diesem Artikel keine separaten Kontaktinformationen gespeichert vor.
Am Ende der Pressemitteilung finden Sie meist die Kontaktdaten des Verfassers.

Neu! Bewerten Sie unsere Artikel in der rechten Navigationsleiste und finden
Sie außerdem den meist aufgerufenen Artikel in dieser Rubrik.

Sie suche nach weiteren Pressenachrichten?
Mehr zu diesem Thema finden Sie auf folgender Übersichtsseite. Desweiteren finden Sie dort auch Nachrichten aus anderen Genres.

http://www.bankkaufmann.com/topics.html

Weitere Informationen erhalten Sie per E-Mail unter der Adresse: info@bankkaufmann.com.

@-symbol Internet Media UG (haftungsbeschränkt)
Schulstr. 18
D-91245 Simmelsdorf

E-Mail: media(at)at-symbol.de

741467

weitere Artikel:
  • Rund 90 Prozent der Kinder und Jugendlichen nutzen täglich Bewegtbild / AGF GenZ Videostudie: Mehr als 5.100 Befragte / Weniger Regeln mit zunehmendem Alter / Eltern prägen das Nutzungsverhalten Frankfurt am Main (ots) - Ob lineares Fernsehen oder Online-Video - Bewegtbild steht bei der jungen Generation hoch im Kurs: 90 Prozent der 3- bis 17-Jährigen nutzen täglich bewegten Content. Wichtig ist ihnen dabei auch das Gemeinschaftserlebnis, ob nun mit den Eltern oder mit Freunden. Knapp die Hälfte der Nutzung entfällt bei den 3- bis 13-Jährigen auf TV-Inhalte, bei den 14- bis 17-Jährigen macht dies mehr als ein Drittel ihrer Bewegtbildnutzung aus. Dies sind aktuelle Ergebnisse der "AGF GenZ Videostudie", die die Arbeitsgemeinschaft Videoforschung mehr...

  • KfW und Verein für Socialpolitik verleihen renommierten Nachwuchsförderpreis für Entwicklungsforschung Frankfurt am Main (ots) - - 11. Preisverleihung für wissenschaftliche Exzellenz und Praxisrelevanz - Forschungsschwerpunkte: Anreizsysteme im Wassersektor und im Naturschutz sowie Gesundheitsökonomik Zum elften Mal hat die KfW Entwicklungsbank gemeinsam mit dem Entwicklungsökonomischen Ausschuss des Vereins für Socialpolitik (VfS) den Förderpreis für exzellente und praxisrelevante Entwicklungsforschung verliehen. Mit dem Preis werden drei Wissenschaftler/innen ausgezeichnet, deren Doktorarbeiten wissenschaftliche Exzellenz und Praxisrelevanz mehr...

  • Hans & Franz / Lotion für natürlich schöne Brüste und ein glatteres Dekolleté (FOTO) Aachen (ots) - Brüste werden immer als zentraler Punkt in der Kunst der Verführung angesehen. Um sich attraktiver und selbstbewusster zu fühlen, unterziehen sich viele Frauen einer operativen Behandlung. Biotulin ist es gelungen, eine Wirkstoffkombination zu entwickeln, die innerhalb kürzester Zeit für einen sichtbaren Lifting-Effekt sorgt und die Brust straffer erscheinen lässt. Hans & Franz ist die kosmetische Lösung zur Vergrößerung des Brustvolumens und zur Straffung des Gewebes und das ohne einen operativen Eingriff. Gleichzeitig mehr...

  • Ökotipp: Fragen und Antworten zu Mehrwegverpackungen in Pandemie-Zeiten Berlin (ots) - Momentan befinden wir uns in einer außergewöhnlichen und für uns alle neuartigen Situation. Liebgewonnene Routinen und Gewohnheiten verändern sich durch die Corona-Pandemie. Viele Verbraucherinnen und Verbraucher greifen seit Beginn der Pandemie vermehrt zu Wegwerfverpackungen, die Skepsis gegenüber Mehrwegalternativen steigt. So wundert es kaum, dass seit dem Frühjahr der Verpackungsmüll in privaten Haushalten um 10 Prozent zugenommen hat - so die Unternehmensgruppe der Grüne Punkt. Gerade die sogenannten To-go-Verpackungen verstopfen mehr...

  • Tom Buhrow zieht im journalist-Interview Bilanz seiner ersten sechs Monate als ARD-Vorsitzender. "Ich mag es nicht von oben herab." (FOTO) Bonn (ots) - Seit einem halben Jahr hat WDR-Intendant Tom Buhrow den Vorsitz der ARD inne. Seine Art als Journalist und Intendant beschreibt Tom Buhrow im Interview mit dem journalist so: "Ich mag es nicht von oben herab. Im Leben nicht und im Journalismus auch nicht." Seine Philosophie sei immer gewesen: "Ich bin nichts Besseres als du. Ich mache das für dich. Du bezahlst mich letzten Endes auch." Im journalist -Interview zieht Tom Buhrow eine Zwischenbilanz seiner bisherigen Amtszeit. Die ARD habe in den vergangenen Monaten "Kraft und Reformwillen" mehr...

Mehr zu dem Thema Sonstiges

Der meistgelesene Artikel zu dem Thema:

Sat1.de mit neuem Online-Spiele-Portal Sat1Spiele.de / SevenOne Intermedia baut Bereich Games weiter aus

durchschnittliche Punktzahl: 0
Stimmen: 0

Bitte nehmen Sie sich einen Augenblick Zeit, diesen Artikel zu bewerten:

Exzellent
Sehr gut
gut
normal
schlecht