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Therapeutischer Dauerlauf mit Hindernissen / ZNS - Hannelore Kohl Stiftung fordert langfristige Reha-Unterstützung für SHT-Patienten

Geschrieben am 12-03-2020

Bonn (ots) - Nach einem Schädel-Hirn-Trauma ist meistens nichts mehr wie früher.
Sprachstörungen, Lähmungen, Konzentrationsschwäche oder auch
Persönlichkeitsveränderungen beeinträchtigen die Betroffenen nachhaltig und
erfordern eine langfristige Unterstützung durch Experten aus verschiedenen
Fachbereichen. Doch während die Frührehabilitation, die schon während des
Klinikaufenthalts in Angriff genommen wird, fest in den Behandlungsablauf
integriert ist, stoßen Patienten schon bei der Suche nach einer
Anschluss-Therapie mitunter an ihre Grenzen. Anlässlich der Brain Awareness
Week, die vom 16. bis 21. März weltweit über Fortschritt und Nutzen der
Hirnforschung informiert sowie die Öffentlichkeit für die Folgen von
Hirnverletzungen sensibilisiert, fordern Interessenvertretungen wie die ZNS -
Hannelore Kohl Stiftung, Ärzte und Betroffene daher nachdrücklich eine
Verbesserung in der Nachsorge von SHT-Verletzungen.

Vor allem der Übergang von stationärer zu ambulanter Versorgung bereitet vielen
Betroffenen Probleme. "In der Klinik gibt es in der Regel einen Ansprechpartner,
der einem dabei hilft, mit der neuen Situation klarzukommen und der weiß, was
derzeit getan werden muss. Zu Hause ist man dagegen schnell hilflos und fühlt
sich allein gelassen", erklärt Sozialpädagogin Amrei Neißner, die im
Beratungsdienst der ZNS - Hannelore Kohl Stiftung täglich mit derartigen Fragen
zu tun hat. "Dabei ist gerade diese Phase kritisch. Viele Patienten realisieren
erst jetzt, dass sie nicht mehr in ihr altes Leben zurückfinden und daher eine
wohnortnahe Unterstützung benötigen, eine weiterführende Reha und am besten auch
eine psychosoziale Beratung. Doch in diesem Bereich gibt es noch viele weiße
Flecken auf der Landkarte - und leider haben längst nicht alle Kostenträger
Reha-Manager, die in dieser Situation helfen können. Deshalb suchen die Menschen
bei uns Rat und direkte Hilfe."

Eigentlich soll das so genannte Entlassmanagement, zu dem Krankenhäuser
gesetzlich verpflichtet sind, diese Lücke schließen. "Das wird aber oft nur
halbherzig betrieben", kritisiert allerdings Dr. Johannes Pichler,
stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbands ambulant-teilstationäre
Rehabilitation (BV-ANR). "Ein Grund ist, dass die ohnehin überlasteten
Krankenhäuser für diese Leistungen nicht entlohnt werden. Und jeder SHT-Patient
benötigt ja eine individuelle, interdisziplinäre Therapie - die kann man nicht
einfach in ein paar Minuten erarbeiten. Insofern müssten die Krankenkassen das
Entlassmanagement auch vergüten. Oder man setzt endlich einmal die
Teilhabeplankonferenz um, bei der sich Betroffene mit den Kostenträgern
zusammensetzen, um den tatsächlichen Bedarf eines jeden Einzelnen zu ermitteln."
Das wäre jedoch nur ein erster Schritt. Denn das zentrale Problem liegt in der
geringen Zahl der ambulanten neurologischen und Reha-Einrichtungen und Praxen
für Neuropsychologie. "Bundesweit gibt es weniger als 80", erklärt Pichler.
"Dieser Missstand hat vorwiegend finanzielle Gründe - eine ambulante Einrichtung
ist weit weniger ertragreich als eine stationäre Einrichtung. Schon allein der
Transport der Betroffenen ist eine Herausforderung, und viele
Behandlungsmethoden finden sich nicht im Regelkatalog der Krankenkassen. Ich
selbst habe für meine Praxis einen Vertrag mit den verschiedenen Kostenträgern
geschlossen, der meines Wissens in Deutschland einzigartig ist. Das war
allerdings ein Kraftakt, vor dem viele meiner niedergelassenen Kollegen
zurückschrecken."

Dabei ist eine konsequente, kontinuierliche therapeutische und psychologische
Betreuung von Menschen mit Schädel-Hirn-Trauma der beste Weg, um für die
Betroffenen eine größtmögliche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu
erreichen. "Ich kenne viele, die anfangs ihre Beeinträchtigungen mit jeder Menge
Energie kompensieren konnten, nach einigen Monaten oder Jahren aber wieder
abgebaut haben, weil ihnen diese Extra-Portion Kraft ausging. Genau da können
vor allem Neuropsychologen gegensteuern. Wichtig wäre dabei ein
interdisziplinäres Behandlungskonzept. Ich hoffe ja immer noch, dass die
Krankenkassen von den Berufsgenossenschaften lernen und eigene Case-Manager für
derartige Fälle einstellen." Helfen können allerdings auch Beratungsstellen wie
etwa die der ZNS - Hannelore Kohl Stiftung. Diese vermittelt nicht nur Kontakt
zu Reha-Einrichtungen, sondern dient auch als Anlaufstelle bei privaten Sorgen
und Problemen. "Durch die Beeinträchtigungen, die ein Schädel-Hirn-Trauma mit
sich bringen kann, ändert sich oft das gesamte soziale Umfeld", betont Amrei
Neißner. "Oft bricht ein Großteil des Freundeskreises weg, auch die familiäre
Situation ist belastet. Diese Aspekte wiegen in der Regel schwerer als die
körperlichen Schwächen. Wir versuchen, sowohl die Betroffenen als auch deren
Angehörigen aufzufangen und ihnen einen gewissen Halt zu geben, der in der
medizinischen Versorgung immer wieder vernachlässigt wird." Der Bedarf ist auf
jeden Fall enorm - allein Neißner erreichen pro Monat zwischen 30 und 40
Anfragen. "Es reicht einfach nicht aus, einen Menschen mit Schädel-Hirn-Trauma
nur bis zur Reha-Phase C zu begleiten und ihn dann mehr oder weniger allein zu
lassen", betont Johannes Pichler. "Wir brauchen dringend ein flächendeckendes
ambulantes Angebot, und zwar sowohl neurologische Reha als auch
neuropsychologische Praxen, die Betroffene notfalls für den Rest ihres Lebens
begleiten und unterstützen. Politik und Gesellschaft müssen endlich begreifen,
dass das Hirn sich zwar reorganisieren kann - aber im Gegensatz zu den anderen
Organen kann es nicht heilen."

Pressekontakt:

Helga Lüngen
ZNS - Hannelore Kohl Stiftung
Fontainengraben 148, 53123 Bonn
Tel. 0228 97845-0
presse@hannelore-kohl-stiftung.de

Weiteres Material: https://www.presseportal.de/pm/54792/4545413
OTS: ZNS - Hannelore Kohl Stiftung

Original-Content von: ZNS - Hannelore Kohl Stiftung, übermittelt durch news aktuell


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