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Börsen-Zeitung: Risiken dominieren, Börsenkommentar "Marktplatz" von Thorsten Kramer

Geschrieben am 18-07-2008

Frankfurt (ots) - Die aktuelle Lage an Europas Aktienmärkten ist
nichts für schwache Nerven. Belastet von Ängsten vor einer massiven
Verschärfung der Finanzkrise, gaben Europas Indizes bis
Mittwochmittag so deutlich nach, dass sich die Akteure bereits auf
weitere deutliche Verluste eingestellt hatten. Erst mit dem Rückgang
des Ölpreises sowie unerwartet soliden Bilanzzahlen vieler US-Banken
stabilisierte sich die Lage. In Frankfurt beendete der Dax, der zur
Wochenmitte noch erstmals seit Oktober 2006 für einen Moment unter
6000 Punkte gerutscht war, den Freitagshandel bei 6383 Zählern. Im
Vergleich zur Vorwoche bedeutet das ein kräftiges Plus von 3,7%.

Wenn der deutsche Leitindex in der neuen Woche die technisch
wichtige Marke von 6300 Punkten behaupten kann, ist sogar noch mehr
möglich. Schließlich ist der Markt technisch betrachtet längst
überverkauft, nachdem der deutsche Leitindex seit Mitte Mai um mehr
als 1000 Punkte abgerutscht war. Anleger dürfen daraus aber nicht den
Schluss ziehen, dass nun das Schlimmste überwunden ist. Dazu haben
die Belastungsfaktoren nach wie vor ein viel zu hohes Gewicht.

Das größte Risiko geht weiterhin von der Finanzkrise aus. Die
Zahlen der meisten US-Banken, die bis dato ihre Bücher geöffnet
haben, beruhigten zwar die Gemüter. Die daraus resultierenden
Kurssprünge der Bankentitel lassen sich allerdings am besten damit
erklären, dass viele Anleger, die auf weiter fallende Notierungen
spekuliert hatten, offene Positionen glattstellen mussten.
Fundamental besteht nach wie vor hoher Kapitalbedarf in der Branche,
es dürften weitere Abschreibungen in Milliardenhöhe bevorstehen und
es herrscht immer noch nicht genügend Transparenz, die es Investoren
ermöglichen würde, die Folgen der Krise seriös einzuschätzen. Unter
dem Strich bleibt Unsicherheit, und die ist bekanntlich Gift für die
Börse.

Im Fokus steht zudem die Entwicklung am Ölmarkt. Ein
überraschender Anstieg der Lagerbestände in den USA, ein leichter
Rückgang des Wirtschaftswachstums in China sowie die Hoffnung auf
eine diplomatische Lösung im Atomkonflikt mit Iran drückten den
Ölpreis in den zurückliegenden Tagen um rund 10%. Trifft jedoch die
von vielen gegebene Einschätzung zu, dass der Preisanstieg der
vergangenen Monate von der Nachfrage getrieben war und nicht von
überbordenden Spekulationen, so dürfte der Ölpreis schon bald erneut
Anlauf auf die Marke von 150 Dollar pro Barrel nehmen. Dies hielte
die Inflationserwartungen auf hohem Niveau und nährte die
Stagflationsängste der Anleger aufs Neue, da die
Konjunkturindikatoren nach wie vor eine Abkühlung der Wirtschaft
signalisieren und - nicht zuletzt - am US-Häusermarkt, dem
Ausgangspunkt der Finanzkrise, längst noch kein Ende der
Abwärtstendenzen erkennbar ist.

Schließlich ist der Pessimismus der Anleger zwar extrem groß, die
für einen Ausverkauf am Aktienmarkt typische Panik war jedoch nicht
zu beobachten. Die Volatilität stieg zwar über die vergangenen Wochen
an, erreichte aber ebenso wenig wie die Handelsumsätze extreme Höhen,
so dass man weiterhin nicht von einer finalen Marktbereinigung
sprechen kann.
Aktienstrategen vieler Investmentbanken haben längst analysiert, wie
stark die Bärenmärkte der Vergangenheit die Aktienkurse unter Druck
gesetzt haben. Die Ergebnisse dieser Studien sind nicht nur für
diejenigen, die den Dax zum Ende des Jahres oberhalb von 8000 Punkten
erwartet haben, starker Tobak. 5200 Zähler gelten den pessimistisch
eingestellten Akteuren bereits als ein wahrscheinliches Dax-Szenario,
zumindest dann, wenn die technischen Unterstützungslinien bei 5800
und 5500 nicht halten.

Bleibt die Frage, wann der Aktienmarkt zu einer nachhaltigen
Kurserholung ansetzen wird. Die Antwort: Erst dann, wenn der Markt
den langfristig agierenden Anlegern wieder mehr Orientierung, mehr
Berechenbarkeit zubilligt und sich das Verhältnis von Chancen und
Risiken wieder stärker in Richtung der Chancen verschiebt. Ein
kräftiger Rückgang des Ölpreises und mehr Stabilität im Finanzsektor
könnten dabei helfen. Solange dies aber nicht der Realität
entspricht, wird der Markt lediglich für Trader interessant bleiben.

(Börsen-Zeitung, 19.7.2008)

Originaltext: Börsen-Zeitung
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Pressekontakt:
Börsen-Zeitung
Redaktion

Telefon: 069--2732-0


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