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Börsen-Zeitung: Decoupling - eine Illusion, Kommentar zu den Finanzmärkten von Christopher Kalbhenn

Geschrieben am 04-07-2008

Frankfurt (ots) - Die Finanzmärkte leben zu einem guten Teil von
Mythen. Ein solcher Mythos ist das "Decoupling" der Emerging Markets,
die vermeintliche Abkopplung der Schwellenländer von den
Industrienationen. Er wird in diesen Wochen einem schweren Test
unterzogen, und es ist zu befürchten, dass er von der Realität
zerstört wird.

Mit Decoupling verbindet sich die Vorstellung, dass die durch die
Subprime-Krise verstärkte Abschwächung des Wirtschaftswachstums in
den Industrienationen den boomenden Emerging Markets nur wenig
anhaben kann, weil diese zunehmend ein von verstärkter
Binnennachfrage und wachsendem Handel untereinander genährtes
Eigenleben führen. Daraus ist die Hoffnung abgeleitet worden, dass
auch die Aktienmärkte der Schwellenländer Immunität gegenüber
Schwächen in den Industrienationen entwickeln könnten.

Nachdem eine Phase vorübergehender Stabilität in den Emerging
Markets bei nachgebenden Kursen in den Industrieländern diese These
zu unterstützen schien, bricht ihr mittlerweile die Basis weg. Die
Emerging Markets erleiden teilweise dramatische Einbußen und folgen
damit den Vorgaben der Industrieländer. Inzwischen legen sie sogar
eine Underperformance gegenüber den entwickelten Märkten an den Tag.
Gemessen am MSCI Emerging Markets haben sie seit Jahresbeginn 17%
eingebüßt, während sich das Minus beim MSCI World auf 13,6%
beschränkt. Seit dem Beginn der aktuellen Schwäche am 20. Mai hat der
MSCI World 12% verloren, der MSCI Emerging Markets 17,3%.

Von Zuflüssen abhängig

Die Aktienmärkte der aufstrebenden Länder können sich gar nicht
von der Krise in den Industrienationen abkoppeln, weil sie immer noch
sehr stark von Kapitalzuflüssen aus den entwickelten
Volkswirtschaften abhängen. Nachdem diese den Boom in den Emerging
Markets genährt haben, lösen eine verstärkte Risikoreduktion bzw. die
schlichte Notwendigkeit, Verluste am Heimatmarkt auszugleichen, nun
umfangreiche Mittelrepatriierungen aus.

Ob die Decoupling-These auch auf realwirtschaftlicher Ebene ins
Reich der Mythen verwiesen wird, muss sich noch erweisen. Bislang hat
sich das Wachstum der Schwellenländer nur leicht abgeschwächt.
Erklärt wird dies unter anderem damit, dass der Anteil der USA an den
Ausfuhren der Schwellenländer stark abgenommen hat. Noch kann aber
nicht abgeschätzt werden, wie sich die Abschwächung Europas auswirken
wird, dessen Anteil an den Ausfuhren stark gewachsen ist. Weitaus
größere Risiken gehen für die Schwellenländer jedoch vom eigenen Boom
aus. Die kräftig anziehende Nachfrage der Emerging Markets treibt die
Rohstoff- und Nahrungsmittelpreise und damit auch die Inflationsraten
auf mehrjährige Höchststände. Das veranlasst die Notenbanken, noch
auf die Bremse zu treten, was das Wachstum gefährdet.

Globales Problem

Dies ist aber kein Emerging- Markets-Problem, sondern ein
globales. Auch in den Industrieländern zieht die Inflation durch die
steigenden Rohstoff- und Nahrungsmittelpreise an. Verstärkt wird dies
noch dadurch, dass sich die Billigimporte aus China und anderen
Ländern durch die dort steigenden Kosten verteuern, wodurch der von
dieser Seite ausgehende Druck auf das Preisniveau nachlässt.

Die Schlagzeilen der letzten Tage sprechen für sich. In Euroland
klettert die Inflation auf 4%, mit 4,25% hat auch der Leitzins der
Region einen mehrjährigen Höchststand erreicht. In Schweden erhöht
die Notenbank den Leitzins auf 4,50% und deutet noch zwei Schritte
noch für dieses Jahr an, weil die Inflation den höchsten Stand seit
Mitte der neunziger Jahre erreicht hat. Die indonesische Zentralbank
hebt ihren Leitzins an, auf den Philippinen und in Indien werden nach
der Veröffentlichung auf mehrjährige Höchststände gestiegener
Inflationsraten restriktive geldpolitische Schritte avisiert. Das
Gleiche gilt für Chile, wo die Teuerung mit 9,5% das höchste Niveau
seit 17 Jahren erreicht hat. Ob Schwellen- oder Industrieland:
Überall das gleiche Bild. Decoupling ist im Zeitalter der
Globalisierung nur eine Illusion.

Originaltext: Börsen-Zeitung
Digitale Pressemappe: http://www.presseportal.de/pm/30377
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Pressekontakt:
Börsen-Zeitung
Redaktion

Telefon: 069--2732-0


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