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DER STANDARD-Kommentar: "Das globale Kartenhaus" von Andreas Schnauder

Geschrieben am 04-09-2014

Die EZB öffnet die Schleusen und behindert dadurch die
notwendige Entschuldung (Ausgabe ET 5.9.2014)

Wien (ots) - Nun schöpft Mario Draghi aus dem Vollen. Eine weitere
Zinssenkung und oben drauf ein Programm zum Ankauf von Wertpapieren
soll die Deflationsängste vertreiben und die Konjunktur stimulieren.
Dass die Europäische Zentralbank damit die Wende herbeizaubert, darf
bezweifelt werden, ist doch die bisherige Politik der offenen
Geldschleusen auch schon verpufft. Dass negative Anreize, von
Preisblasen bis hin zur Stützung von Zombibanken, verstärkt werden,
ist hingegen offenkundig.

Keine Frage: Der Druck auf Draghi ist durch den heftigen
Konjunkturabschwung und die nachlassende Teuerung merklich gestiegen;
geopolitische Risiken drohen die Eurozone in ihre dritte Rezession
binnen sechs Jahren zu stürzen. Dass ein Triple Dip in Zeiten von
Rekordarbeitslosigkeit und -verschuldung verheerend wäre, ist
unbestritten. Dennoch marschiert die EZB in die falsche Richtung und
konterkariert mit ihrer Politik die dringend notwendige Entschuldung
der Volkswirtschaften und die Bereinigung der Finanzindustrie.

Die Deflationsgefahr soll keineswegs kleingeredet werden, doch
muss das Preisgefüge auch im Kontext gesehen werden. Sinkende
Energie- und Rohstoffpreise einerseits sowie die notwendige
Strukturanpassung (Lohnzurückhaltung, Ausgabenkürzungen) in der
Europeripherie drücken zwangsläufig auf die Teuerung. Der Prozess ist
zweifelsohne ein schmerzhafter, doch die einzige Alternative in einer
gemeinsamen Währungsunion bestünde in der dauerhaften
Querfinanzierung jener Staaten, die ihren Zugang zu Export- und
Kapitalmärkten verloren haben.

Auch den stockenden Geldfluss von der Notenbank hin zu den
Wirtschaftsakteuren wird die EZB mit ihren Maßnahmen nicht
beseitigen. Unternehmen, Haushalte und Staaten sind stark verschuldet
und versuchen gerade, wieder in eine nachhaltige Balance zu gelangen.
Will Draghi die Realwirtschaft wieder tiefer in die Kreide treiben
und damit mühsam aufgebautes Vertrauen zunichtemachen? Vertrauen ist
auch der Schlüssel für die Gesundung des Finanzsystems, das die
Zentralbank mit den laufenden Stresstests zu gewinnen sucht. Neue
Geldspritzen halten dagegen viele der wackelnden Institute am Leben
und verhindern, die Leichen im Keller zutage zu fördern. Mit den
lebensverlängernden Pillen an die Zombibanken wächst die Gefahr einer
anhaltenden Stagnation nach japanischem Vorbild.

Gleichzeitig wachsen die Risiken rapide. Die großen Notenbanken
haben seit Ausbruch der Finanzkrise 20 Billionen Dollar in die Märkte
gepumpt, bei einem Ausstieg aus dem Krisenmodus sind neue
Schockwellen zu befürchten. Die niedrigen Zinsen verleiteten die
Haushalte dazu, immer höhere Schulden aufzutürmen, ihr Verhältnis zum
verfügbaren Einkommen stieg global in den letzten sechs Jahren von
155 auf 175 Prozent. Investoren und Banken werden bei ihren
Geschäften immer waghalsiger, weil sichere Anlagen nichts bringen und
deshalb mehr Risiko genommen wird. Die Folgen: Der Bestand
hochverzinster Unternehmensanleihen hat sich in den letzten drei
Jahren verdreifacht, bei den Kreditkunden steigt der Anteil jener mit
niedriger Bonität rasant. Dazu kommt die Flucht in Sachwerte, allen
voran in Luxusimmobilien.

Die Notenbanken haben die Weltwirtschaft in ein riesiges
Kartenhaus verwandelt, das früher oder später einstürzen muss. Statt
den Retourgang einzulegen, wird munter nachgelegt.

Rückfragehinweis:
Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445

Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/449/aom

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