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WAZ: Ökonomie-Ökologie: Kostenrechner ran ans Klima - Leitartikel von Thomas Wels

Geschrieben am 22.08.2007 - [Nächster Artikel]

Essen (ots) - Klar wollen alle die Welt retten. Natürlich sind
sich alle einig, dass es das Klima zu schützen gilt. Man darf aber
mit Fug darauf hinweisen, dass es sich über das Wie zu streiten
lohnt. Die Umwelthysterie der vergangenen Wochen, befeuert von einem
nicht ganz uneigennützig agierenden Umweltminister, hat einiges an
Rationalität den Sturzbach hinabgespült.

Hannemann, geh' du voran. Sagen wir, es sei sinnvoll, dass
Deutschland 40 Prozent CO2 einspart, während die gesamte EU nur 30
Prozent spart. Sinnvoll aus pädagogischen Gründen, weil das Vorbild
Deutschland weithin leuchtet; sinnvoll aus ökonomischer Sicht, weil
Öko-Hightech Made in Germany den Weltmarkt erobert. Das klingt gut,
ist aber naiv. Weil in allen Branchen ein Kampf um Weltmarktanteile
tobt, ist immer die Frage nach den Kosten zu stellen. Unbestritten
ist, dass in Ländern mit hohen technischen Umweltstandards in
Kraftwerken und Industrie die Einsparung jeder weiteren Tonne CO2
teurer ist als in Ländern, die einen niedrigeren Standard aufweisen.
Ein Stahlkocher, der bereits viel in Filtertechnik investiert hat,
muss deutlich mehr Geld in die Hand nehmen, um noch mehr CO2
einzusparen. Will sagen: Das Ziel von 40 Prozent führt ganz bewusst
zu einer überproportionalen Kostenbelastung im Vergleich zu Ländern,
die im Wettbewerb mit Deutschland stehen: in Chemie, Energie oder
Stahl.

Es ist nüchtern gegenzurechnen: der Vorteil, den die Branche der
erneuerbaren Energien auf dem Weltmarkt erfährt, gegen den Nachteil,
den die hiesige Industrie zu erleiden hat. Das ist keine Ideologie,
sondern Mathematik. Niemand sollte versucht sein, die Umweltpolitiker
aus der Beantwortung dieser Fragen zu entlassen. Denn dazu sind die
Folgen, zumal in einer Industrieregion, zu gravierend. Nicht alles,
was unter dem Gütesiegel Klimaschutz daherkommt, ist sinnvoll. So
sind die Mengen an CO2, die ein deutsches Unternehmen zu geringeren
Kosten in der Dritten Welt einsparen darf, begrenzt. Warum? Es geht
doch ums Weltklima.

Dieselben Politiker, die mit ihrem Instrumentenkasten in den
volkswirtschaftlichen Mechanismen herumwerkeln, schreien laut auf,
wenn Bier, Brot und Schweineschnitzel teurer werden - obwohl sie es
doch waren, die den Anreiz gaben, Rapsöl statt Getreide zu pflanzen.
Zugegeben: Die Debatte ist kompliziert. Ohne Kostenrechnung aber ist
sie nicht zu führen. Wer einfach nur Klima, Klima ruft, hat am Ende
nicht die Welt gerettet. Aber Deutschland, wenn's dumm läuft,
de-industrialisiert.

Originaltext: Westdeutsche Allgemeine Zeitung
Digitale Pressemappe: http://www.presseportal.de/pm/55903
Pressemappe via RSS : feed://www.presseportal.de/rss/pm_55903.rss2

Pressekontakt:
Rückfragen bitte an:
Westdeutsche Allgemeine Zeitung
Zentralredaktion
Telefon: (0201) 804-8975
zentralredaktion@waz.de
 
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