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WAZ: Deutsche arbeiten in Polen: Und was, wenn keiner mehr zu uns kommt? - Leitartikel von Stefan Schulte

Geschrieben am 02.08.2007 - [Nächster Artikel]

Essen (ots) - Diese Klage kennt jeder: Auf deutschen Baustellen
wird alles gesprochen, nur kein Deutsch. Dafür wird seit einigen
Monaten, welch Ironie, auf polnischen Baustellen deutsch gesprochen.
Wer sich nun schüttelt und im falschen Film wähnt, dem sei zunächst
versichert: Weder haben sich osteuropäische Arbeiter über Nacht
kollektiv aus Deutschland verabschiedet, noch kann von einer
Abwanderung deutscher Fachkräfte nach Polen als einem Massenphänom
die Rede sein. Dennoch zeugt der junge, zarte Trend von einer
erstaunlichen Bewegung auf dem europäischen Arbeitsmarkt.

Die gut ausgebildeten Polen wandern nach Irland, Großbritannien
und Skandinavien, viele Ingenieure selbst ins bauwütige Russland aus
und verdienen dort ein Vielfaches. Weil die Arbeit sonst liegen
bleiben würde, müssen die polnischen Auftraggeber, sei es der Staat
oder Privatinvestoren, höhere Preise bezahlen. Und weil gerade in
Ostdeutschland die deutschen Löhne längst nicht mehr die höchsten
sind, verdienen plötzlich deutsche Arbeiter und Unternehmer in Polen
gutes Geld.

Was noch vor wenigen Jahren unvorstellbar schien, ist nun ein
starkes Indiz dafür, dass sich die Angleichung der Lebensverhältnisse
schneller vollzieht, als sich das die meisten vorstellen konnten oder
wollten. Das kann man toll finden (neue Märkte) oder ganz schlimm
(sind wir Deutschen die neuen Billiglöhner?). Ändern kann man es
nicht mehr.

Das ist zwar eine banale Erkenntnis, aber längst nicht bei jedem
angekommen. Wie sonst wäre die Phantomdebatte zu erklären, die sich
derzeit die Großkoalitionäre in Berlin leisten? SPD und Union
streiten über die Beschränkungen, die in Deutschland für alle Bürger
der neuen EU-Länder noch bis 2009 gelten. Teile der SPD wollen die
Schranken vorher abbauen, damit mehr Fachkräfte nach Deutschland
kommen. Unions-Fraktionschef Kauder will das Land sogar bis 2011 vor
Billiglöhnern abschotten.

Und was, wenn gar keiner kommt? Abgesehen davon, dass Kauder
bewusst und populistisch alte Überfremdungs-Ängste schürt, gehen
beide Vorstellungen an der Realität vorbei. Weil es anderswo mehr zu
verdienen gibt, wird eine Öffnung weder Fachkräfte noch Billiglöhner
in Scharen anlocken. Worüber nachzudenken mehr lohnte, wäre deshalb,
warum andere Länder längst attraktiver sind als Deutschland. Wer vom
europäischen Binnenmarkt profitieren will, muss sich ihm auch öffnen.
Großbritannien und Irland haben es als erste getan.

Originaltext: Westdeutsche Allgemeine Zeitung
Digitale Pressemappe: http://www.presseportal.de/pm/55903
Pressemappe via RSS : feed://www.presseportal.de/rss/pm_55903.rss2

Pressekontakt:
Rückfragen bitte an:
Westdeutsche Allgemeine Zeitung
Zentralredaktion
Telefon: (0201) 804-8975
zentralredaktion@waz.de
 
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