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Börsen-Zeitung: Bankenbeben, Kommentar von Bernd Wittkowski zur Übernahme der Landesbank Berlin durch den DSGV und der möglichen Übernahme der WestLB durch die LBBW

Geschrieben am 15.06.2007 - [Nächster Artikel]

Frankfurt (ots) - Paradoxe Sparkassenwelt: In Berlin ist den
Sparkassen die Übernahme der Landesbank ein
Multimilliarden-Investment wert. In Düsseldorf und Münster, wo die
regionalen Sparkassenverbände zusammen noch die Mehrheit an der
WestLB halten, wird derweil der Ausstieg aus dem
nordrhein-westfälischen Spitzeninstitut, parallel zu dem vom Land
angekündigten Verkauf seines 38-prozentigen Anteils, vorbereitet.
Ohne Zweifel: Die deutsche Bankenlandschaft im Allgemeinen und die
Landesbankenlandschaft im Besonderen wurden über Nacht von einem
mittelschweren Erdbeben erschüttert.

Es ist freilich nicht die Art von Erschütterung, die sich speziell
die Commerzbank, die ernsthaft am Kauf der Landesbank Berlin (LBB)
interessiert war, und die privaten Banken generell für die Struktur
des Kreditgewerbes gewünscht hatten. Das deutsche Dreisäulensystem
ist erdbebensicher erbaut. Der jenseits aller Geschäftsstrategien
nicht zuletzt ordnungspolitisch motivierte Versuch, ausgerechnet in
der Bundeshauptstadt und deshalb mit hohem Symbolwert ein Kernelement
aus dem Sparkassenverbund herauszubrechen und so die
öffentlich-rechtliche Säule ins Wanken zu bringen, ist gescheitert.
Es war der dritte Versuch nach Stralsund, wo 2004 das vom
Bundesverband deutscher Banken erhoffte Exempel des Verkaufs der
Sparkasse an einen privaten Investor abgewehrt wurde, und nach
Frankfurt, wo die Helaba 2005 mit politischer Hilfe die bis dahin
freie Sparkasse übernehmen und in die öffentlich-rechtliche Familie
einbinden durfte.

Maultaschen-Connection?

Im Schoß der Familie bleibt nun auch die LBB mit ihrem Kern, der
Berliner Sparkasse. Da soll man "Privatisierung" wohl nicht allzu
wörtlich nehmen. Auch die EU-Kommission selbst hat das anscheinend
von Anfang an nicht so eng gesehen, als sie die Privatisierung der
1994 aus der Verquickung privater und öffentlich-rechtlicher Teile
fehlkonstruierten und bald darauf am Rande des Abgrunds stehenden
LBB-Vorgängerin Bankgesellschaft Berlin als Preis dafür verlangte,
dass sie deren Rettung auf Kosten der Steuerzahler genehmigte. Sonst
hätte Brüssel Interessenten aus der Sparkassengruppe von vorneherein
aus dem Bietungsprozess für den 81-prozentigen Landesanteil
aussperren müssen. Denn eine Privatisierung im strengen Sinne ist
dessen Übernahme durch den Deutschen Sparkassen- und Giroverband
öffentliche Körperschaft (DSGV ö.K.) gerade nicht.

Aus Sparkassensicht dagegen ist die Welt wieder in Ordnung. Dies
umso mehr, wenn nun noch die in Berlin leer ausgegangene LBBW als
Trostpreis die leicht schwächelnde WestLB bekäme. Wirklich
jammerschade, dass es hartnäckig umlaufenden Gerüchten zufolge dieses
Zerwürfnis zwischen DSGV-Präsident Heinrich Haasis und LBBW-Chef
Siegfried Jaschinski gegeben haben soll, weil Letzterer sich
erdreistete, als Konkurrent der Sparkassen um die LBB zu buhlen.
Andernfalls könnte man glatt auf die Idee kommen, eine
Maultaschen-Connection habe irgendwann einen Masterplan zur
Neuordnung des Sparkassen- und Landesbankenwesens ersonnen, der jetzt
Zug um Zug abgearbeitet wird.

Jenseits von Gut und Böse

Denn durch die Übernahme der LBB wird ja nicht nur ein neuer
Korpsgeist unter den Sparkassen erzeugt. Vor allem nutzt man in
Berlin die Gelegenheit, mit der künftigen Verbandssparkasse, die in
dieser Form und Dimension ein Novum darstellt, ein Strategiezentrum
der gesamten Gruppe aus dem Boden zu stampfen, das in Zukunft
beispielsweise auch als Vehikel einer internationalen Expansion
dienen könnte. Obendrein verschieben sich die verbundinternen
Kräfteverhältnisse: Schließlich werden die Sparkassen Eigentümer
nicht allein einer Großsparkasse, sondern auch einer im
Wholesalegeschäft tätigen Landesbank. Potenzial für Tauschgeschäfte,
durch die sich zum Beispiel der Einfluss auf die DekaBank zulasten
der Landesbanken ausweiten ließe?

Mit der von Haasis forcierten Verbindung LBBW/WestLB würde
parallel dazu die für unvermeidbar gehaltene Konsolidierung unter den
Landesbanken entscheidend angeschoben. Diese Kombination wäre - und
deshalb kann man von einem "Erdbeben" sprechen - eine neue Kraft, die
auch jenseits der Sparkassengruppe die Bankenlandschaft kräftig
durchschütteln würde.

Aber bei all diesen Chancen, die ja zum Teil bislang nicht mehr
als Hoffnungswerte sind: ein Preis irgendwo in der Gegend von 6,5
Mrd. Euro für die komplette LBB ist mehr als ambitioniert. Er enthält
strategische und politische Prämienelemente, durch die er für private
Interessenten in der Tat jenseits von Gut und Böse liegen musste. 6,5
Mrd. Euro: Das ist das 19fache des um den Ertrag aus dem Verkauf der
Berliner Bank bereinigten Vorsteuergewinns der LBB 2006. Die
Commerzbank zum Beispiel wird, vergleichbar gerechnet, aktuell mit
knapp dem 13fachen gehandelt. Da wird die nicht auf Gewinnmaximierung
ausgerichtete Berliner Sparkasse noch viele Synergien heben müssen,
bis über die gebotene Stärkung der inneren Substanz hinaus die neuen
LBB-Eigner eine Dividende erhalten, die möglichst die
Refinanzierungskosten ihrer Beteiligung übersteigen sollte.

(Börsen-Zeitung, 16.6.2007)

Originaltext: Börsen-Zeitung
Digitale Pressemappe: http://presseportal.de/story.htx?firmaid=30377
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