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EU-JRC-Studie: Angebotsperspektiven des Kohleweltmarkts unsicher

Geschrieben am 14.06.2007 - [Nächster Artikel]

Essen (ots) - Das Energie-Institut des Joint Research Center (JRC)
der EU-Kommission hat eine wissenschaftliche Studie "The Future of
Coal" vorgelegt, die aus europäischer Perspektive ernsthafte Probleme
für die künftige Kohleversorgung vom Weltmarkt voraussieht. Diese
Studie widerspricht ausdrücklich dem weit verbreiteten Bild, dass
Kohleimporte für Europa eine breit verfügbare und zuverlässige sowie
preisstabile Energiequelle sind. Diese Einschätzung sei viel zu
undifferenziert. Die dafür erforderliche Steigerung der Angebotsbasis
setze nämlich künftig erheblich höhere Produktionskosten und Preise
als heute voraus und ist mit vielen Fragezeichen verbunden. Die
Lieferperspektiven der Kohle auf dem Weltmarkt seien keineswegs so
gesichert wie häufig angenommen. Traditionelle Erfahrungen mit der
Stabilität von internationalen Kohlelieferungen ließen sich nicht
problemlos fortschreiben, zumal Europa seine eigene Kohlebasis immer
weiter zurückfährt.

Ziel der Studie ist keine quantitative Prognose des
internationalen Kohlemarktes und auch keine Nachfrageanalyse gewesen,
sondern eine Abschätzung der künftigen globalen Angebotsbedingungen
bis 2030 - unter besonderer Berücksichtigung der möglichen
Implikationen für die EU - sowie der Fakten und Trends, von denen
das künftige Kohleangebot wesentlich beeinflusst wird.

Das JRC ist ein gemeinsamer wissenschaftlicher Dienst der
verschiedenen Generaldirektionen der EU-Kommission mit Sitz in
Petten, Niederlande. Die Aussagen des JRC repräsentieren zwar nicht
die offiziellen Standpunkte der Kommission, stellen aber eine von ihr
gestützte und anerkannte wissenschaftliche Expertise dar. Die knapp
50seitige Studie "The Future of Coal", die intensiv und kritisch auch
eine Auswertung der internationalen Fachliteratur (insbesondere von
Untersuchungen der IEA) vorgenommen hat, steht im Kontext mit der von
der Kommission erarbeiteten neuen europäischen Energiestrategie. Die
Schlussfolgerungen dieser Studie sind sehr bemerkenswert und für die
weitere kohlepolitische Debatte von großer Bedeutung. Dazu gehört
eine wichtige Feststellung speziell zur heimischen Steinkohle in
Europa: Eine umfassendere und effizientere Nutzung der heimischen
Steinkohlereserven würde die Energieimportabhängigkeit der EU
reduzieren und zusätzliche vorteilhafte Synergien, z. B. eine erhöhte
Beschäftigung, ermöglichen. (S. 7 f.)

Wesentliche allgemeine Befunde und Schlussfolgerungen:

Energiepolitisch wichtige Zusammenhänge

Die Studie hält es für wahrscheinlich, dass künftig die klaren
Grenzen zwischen den Erscheinungs- und Nutzungsformen der fossilen
Energieträger verschwimmen. Ein Teil des Energiemarktes der Zukunft
entwickle sich zu einem integrierten Markt für Kohlenwasserstoffe,
auf dem auch die Kohle immer mehr Bedeutung erlangt in Form von
Kohlegas und Kohleöl. Hinsichtlich der Konkurrenzenergien vertritt
die Studie im Übrigen die Einschätzung, dass die EU bei Öl und Gas
aufgrund der großen Verbrauchsanteile bei geringen eigenen Reserven
eine sehr große Verletzbarkeit ("vulnerability") aufweise, die unter
dem Sicherheitsaspekt klar für die Kohle spricht.

Steigende Weltmarktpreise für Kohle und Erschöpfung der globalen
Angebotsbasis

Infolge der heutigen Gegebenheiten und in Anbetracht der für die
wachsende internationale Nachfrage erforderliche Ausweitung des
globalen Kohleangebots werden die Produktionskosten künftig weltweit
höher sein und die internationalen Kohlepreise sehr wahrscheinlich
deutlich steigen.

Die gegenwärtige Angebotsbasis des Weltkohlemarktes erschöpft sich
insofern kontinuierlich, da die wirtschaftlich gewinnbaren
Kohlereserven relativ rasch abnehmen. Die statische Reichweite der
Kohlereserven, gemessen an der "Reserves-to-Production-Ratio", ist
aufgrund der enormen globalen Nachfragesteigerungen und
restriktiverer Bewertung im Zeitraum 2000-2005 um ein Drittel von 277
auf 155 Jahre gefallen. Das schnelle wirtschaftliche Wachstum in
China und Indien könnte in Anbetracht der relativ schlechten Qualität
von deren heimischen Kohlereserven die internationale Kohlenachfrage
noch stärker nach oben treiben und das bestehende Angebot damit noch
schneller ausbeuten. Insgesamt sind die Länder mit den weltweit
größten Kohlereserven auch die größten Kohleverbraucher, was diesen
Trend stabilisiert. Hinzu kommt, dass die erschlossenen Reserven aus
Kosten- und Wettbewerbsgründen vielfach mit der international
vorherrschenden "Room-and-Pillar"-Abbautechnik gar nicht voll
ausgenutzt, sondern nur filetiert werden.

Eine rasche Erschöpfung der globalen Kohlereserven ist allerdings
insofern nur hypothetisch - darauf weist die Studie selbst hin - ,
weil neben den aus heutiger Sicht wirtschaftlich gewinnbaren und
nachgewiesenen Reserven (economically accessible "proved reserves")
bedeutende Mengen an technisch gewinnbaren Reserven (technically
accessible "reserves") zur Verfügung stehen, so auch in Europa, und
darüber hinaus große, technisch heute noch nicht gewinnbare bzw.
geologisch vorerst nur schätzbare Ressourcen vorhanden sind. Deren
Vorkommen sind zweifellos ungleich größer als die konventionellen Öl-
und Gasvorkommen. Durch veränderte technische und ökonomische
Rahmenbedingungen können sich auch die Kohlereserven und -ressourcen
relativ schnell in "proved reserves" verwandeln. Dazu muss aber das
Investitionsklima im Kohlenbergbau und den zugehörigen logistischen
Bereichen erheblich verbessert werden, was einen langfristig stabilen
politischen und rechtlichen Rahmen voraussetzt. Insbesondere müssen
die Unsicherheiten über die Klimaschutzvorgaben nach 2012 bereinigt
werden. In den vergangenen Jahren sind indessen Investitionen in
existierende und neue Abbaufelder durch zu geringe Preise und
Gewinnmargen sowie Fragmentierung der Industrie gehemmt worden. Auch
die Kohle-FuE war rückläufig. Wenn die Preise weiter (zu) niedrig
bleiben, kann es beim Angebot trotz an sich ausreichender Reserven zu
physischen Engpässen durch eine "psychologische Erschöpfung" kommen.
Bemerkenswert ist, darauf wies das JRC im Rahmen der Vorstellung der
Studie in Brüssel hin, dass die Kohleproduzenten kein Interesse am
Ausweis von Zahlen zur statischen Reichweite haben. Ihr Interesse ist
derzeit ausschließlich kurzfristig orientiert.

Rein technologisch gesehen kann das globale Kohleangebot erheblich
erweitert werden durch Entwicklung und Implementation neuer
Explorationstechniken für Kohlereserven und -ressourcen, durch
verbesserte Unter-Tage-Gewinnungstechnologien sowie durch
beschleunigte Forschung und Entwicklung neuer Abbautechniken
einschließlich Erschließung "nicht-konventioneller Kohle" mittels
untertägiger Kohlevergasung oder Methannutzung. Die Studie spricht
sich deshalb klar für verstärkte FuE-Anstrengungen in der EU auf
diesem Gebiet aus, was wiederum die Fortsetzung der
Gewinnungstätigkeiten im Steinkohlentiefbau in Europa impliziert.

Hohe Angebotskonzentration

Der größte Teil der globalen Kohleproduktion und -exporte ist bei
einigen wenigen Ländern und "market players" konzentriert, was das
Risiko von Marktunvollkommenheiten hervorrufe. Der Löwenanteil der
Weltsteinkohlenreserven ist sogar hochkonzentriert: Auf lediglich
sechs Länder (USA, China, Indien, Russland, Südafrika, Australien)
entfallen 85 % der Weltsteinkohlenreserven. In vier dieser sechs
Länder (USA, Russland, China, Australien) lagern zudem 78 % der
Weltbraunkohlenreserven. Das Bild der geostrategischen Diversität der
Kohlereserven werde irregeführt ("mislead") durch die Verteilung über
alle Kontinente. Doch in allen Weltregionen sind die Reserven, zumal
die der handelbaren hochwertigen Kohle, auf ein Land oder einige
wenige Länder konzentriert, so dass die globale Länderkonzentration
faktisch ausgesprochen hoch ist.

Auch auf Unternehmensebene ist die Konzentration beträchtlich. Die
"Big Four" auf dem internationalen Kohlemarkt (BHP Billiton,
Anglo-American, XStrata/Glencore, Rio Tinto) haben am Welthandel mit
Kraftwerkskohle einen Anteil von fast 40 %, und sie kontrollieren
insbesondere das Exportangebot des größten Exportlandes Australien.
Auch wenn eine "Kohle-OPEC" von der Studie für wenig wahrscheinlich
gehalten wird, könnte diese Marktmachtballung Einfluss auf die
künftigen Weltmarktpreise für Kohle haben. Absehbar ist, dass sich
die Konzentrationstendenzen bei den Exportländern weiter verstärken.
So werden sich China und auch die USA, bisher große Nettoexporteure
auf dem Kohlemarkt, schrittweise zu Nettoimporteuren entwickeln (1),
wie das heute schon bei Indien der Fall ist. Exporte von anderen
möglichen bedeutenderen Lieferanten (z.B. Russland und Kolumbien)
sind mit erheblichen logistischen Problemen konfrontiert. Daher wird
Australien allmählich zum ultimativen globalen Kohleanbieter, während
andere traditionelle Schlüsselexporteure wie Indonesien oder - für
die EU noch wichtiger - Südafrika vor großen Problemen bei der
Entwicklung ihrer Kohlereserven und Exportkapazitäten stehen.

Fussnote (1) Im Fall Chinas scheint dieses Umkippen bereits im
laufenden Jahr zu geschehen, also noch schneller als von der Studie
vorausgesehen.

Originaltext: GVST GV d. deut. Steinkohlebergbaus
Digitale Pressemappe: http://presseportal.de/story.htx?firmaid=54802
Pressemappe via RSS : feed://presseportal.de/rss/pm_54802.rss2

Pressekontakt:
Gesamtverband des deutschen Steinkohlenbergbaus
Andreas-Peter Sitte
Rellinghauser Str. 1
45128 Essen
Tel.: 0201/177-4320
Fax: 0201/177-4271
E-Mail: andreas-peter.sitte@gvst.de
 
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