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Engpässe am internationalen Kraftwerkskohlenmarkt stehen kurz bevor

Geschrieben am 09.05.2007 - [Nächster Artikel]

Essen (ots) - Während in Deutschland die Förderung heimischer
Steinkohle bis 2018 auslaufen soll, wenn nicht in 2012 eine
energiepolitische Revision dieser Entscheidung vorgenommen wird,
drohen am internationalen Kraftwerkskohlenmarkt in naher Zukunft
Lieferengpässe. Dies geht aus einer im Frühjahr 2007
veröffentlichten Analyse aus der deutschen Versorgungswirtschaft
"Entwicklung und Perspektive von Angebot und Nachfrage am
Steinkohlenweltmarkt" hervor (Zeitschrift für Energiewirtschaft
1/2007, S. 15-34). Diese Befunde knüpfen an eine langjährige Analyse
der voraussichtlichen Entwicklung des internationalen
Kraftwerkskohlenmarktes an und bestätigen voll deren Aussagen zum
Trend (Zeitschrift für Energiewirtschaft 1/2006 sowie FAA Nr.
30/2006). Danach ist seit ungefähr 2002 die Käufermarktsituation am
internationalen Kraftwerkskohlenmarkt in ein "labiles
Marktgleichgewicht" umgeschlagen, das "mittelfristig in einen Zustand
der Verknappung bzw. Unterversorgung steuert".

Konkret kommt die betreffende Analyse zu dem Schluss, dass auf dem
Kesselkohlensektor im Überseehandel ab 2010 Engpässe auftreten, weil
die dann verfügbare Angebotskapazität die rasch wachsende
internationale Nachfrage nicht mehr decken kann. Schon ab 2009 könnte
hier die Versorgungssituation kritisch werden. In drei Jahren wäre
die Kapazitätsgrenze also erreicht. 2001 wurde noch erwartet, dass
die 100 %-Marke in fünf Jahren erreicht würde. Der Punkt der
vollständigen Kapazitätsauslastung rückt unaufhaltsam näher.
Reservekapazität gibt es praktisch nicht mehr. Sofern nicht in Kürze
massiv investiert wird und zur Entlastung zusätzliche
Exportkapazitäten auf den Weg gebracht werden, "droht bereits in
naher Zukunft eine spürbare Angebotslücke mit wohl schmerzhaften
Auswirkungen auf die Preisentwicklung". Schon seit 2005 steigen die
Kraftwerkskohlenpreise auf dem internationalen Markt nachhaltig an,
weil die verfügbaren Exportkapazitäten anhaltend zu rd. 90 % und
damit erheblich stärker als früher ausgelastet sind. Im langfristigen
Durchschnitt wird eine Auslastung von 80 % als normal angesehen. Für
die Kohlenimportländer ergebe sich daraus unter anderem, dass eine
Rückkehr zu den relativ niedrigen Importkohlenpreisen der 1990er
Jahre in absehbarer Zeit eine "Illusion bleiben" muss. Wenn sich die
gegenwärtigen Trends fortsetzen, werde immer mehr "das sich
ausweitende Angebotsdefizit und der damit verbundene
Versorgungsengpass deutlich (werden)".

Hauptgründe für diese bedenkliche Entwicklung:

- Seit der Jahrtausendwende hat sich weltweit im Trend das
Nachfragewachstum am internationalen Kohlemarkt erheblich
beschleunigt. Dieser Trend hält an. Zwar konnte die gestiegene
Nachfrage durch die verfügbaren Angebotskapazitäten bisher
gedeckt werden, und Preissteigerungen regen stets auch eine
Ausweitung der Produktionskapazitäten an. Doch haben sich diese
Marktzyklen in den letzten Jahren deutlich verkürzt, und die
Nachfrageschübe führen zu einem immer schnelleren Ausschöpfen
der vorhandenen und neu zuwachsenden Exportkapazitäten.

- Hinzu kommt, dass sich die größten Kohleproduktionsländer der
Welt, China und die USA, zu Nettoimporteuren entwickeln.

- Die Kesselkohlennachfrage wird sich auf dem Pazifischen Markt
noch dynamischer entwickeln (in 2006: 336 Mio. t) und einen
größeren Anteil am Weltmarkt einnehmen als der für Europa
wesentliche Atlantische Markt (in 2006: 220 Mio.). Die Gewichte
im internationalen Kohlehandel werden sich nach allen Prognosen
in Zukunft noch mehr in Richtung auf den Pazifischen Markt
verschieben.

- Die Angebotsseite am internationalen Markt für Kesselkohlen ist
seit dem Jahr 2000 klar "unterinvestiert". Die Anzahl der
weltweiten Investitionsprojekte in Exportgruben und zugehörige
Infrastruktur ist zurückgegangen und hat sich gegenüber den
1990er Jahren halbiert. Sie verharrt weiter auf einem mäßigen
Niveau, obwohl die spezifischen Investitionskosten keineswegs
gestiegen sind. Festgestellt wird daher: "Seit mindestens zwei
Jahren (fehlt) die Investitionsbereitschaft der Produzenten,
rechtzeitig für ein flüssiges und ausreichendes Angebot zu
sorgen. Hinsichtlich der Angebotsentwicklung lebt der Markt
bereits heute von der Hand in den Mund."

- Ungeklärt bleibt, inwieweit diese Parallelentwicklung zum
Weltölmarkt "das Resultat der Finanzstrategie vor allem der vier
großen Kohleproduzenten und -exporteure (Big Four) ist." Diese
vier Großanbieter auf dem internationalen Kohlemarkt (BHP
Billiton, XStrata/Glencore, Anglo Coal und Rio Tinto), die
zusammen rd. 40 % der weltweiten Kohlenexporte kontrollieren,
haben auch bei der Kesselkohle eine marktstarke Stellung
erreicht, die mit einem Anteil von hier knapp 30 % allerdings
noch nicht als dominant angesehen wird. Jedoch haben sie ihre
Investitionen in den letzten Jahren verstärkt in den für sie
lukrativeren Kokskohlenmarkt gelenkt, bei dem sie mit einem
Anteil von 44 % eine noch stärkere Position haben. Dort wird
ihnen bereits ein erheblicher Einfluss auf die Preisentwicklung
zugeschrieben - ähnlich wie schon beim Eisenerz.

- Investitionen in Neuaufschlüsse und Infrastruktur (Bahn, Hafen,
Wasserversorgung) sind deutlich teurer als
Kapazitätserweiterungen, so dass große kapitalmarktorientierte
Unternehmen wie die Big Four stets auch unter Shareholder
Value-Aspekten abwägen, ob sie ihre Mittel in neue Investitionen
im Kohlesektor lenken oder höhere Dividenden ausschütten und so
ihren Börsenwert erhöhen und ihr Kreditrating verbessern sollen.
Es scheint, als ginge die Finanzstrategie der großen Produzenten
auf. Als Resultat wird der Kesselkohlenpreis weiter anziehen, so
dass zugleich die "Big Four" von einer verschärften
Verkäufermarktsituation im Kesselkohlensektor profitieren
werden.

- Relativ hoch ist auch die Länderkonzentration. Das verfügbare
Exportangebot für Kesselkohlen stammt aus einer begrenzten Zahl
von Ländern, auch wenn die Konzentration in der Spitze nicht so
hoch ist wie bei der Kokskohle, bei der Australien inzwischen
einen Marktanteil von 67 % erreicht hat und eine globale
Abhängigkeit der Stahlindustrie von einem einzigen Land
entstanden ist. Bei den internationalen Kesselkohlenexporten
dominiert inzwischen Indonesien mit 26 % vor Australien (20 %).
Insgesamt stammen 81 % des weltweiten Kesselkohlenexportangebots
aus lediglich einer Handvoll Länder. Praktisch das gesamte
Weltmarktangebot kommt aus nur acht Ländern.

- Auf dem für Westeuropa maßgeblichen atlantischen
Kesselkohlenmarkt ist die Angebotskonzentration noch höher, denn
Indonesien und Australien spielen hier fast keine Rolle: Hier
dominierte in 2006 Südafrika (32 %) vor Russland (28 %) und
Kolumbien (27 %). Auf diese drei Länder entfallen somit 87 %
aller atlantischen Exporte.

Nicht thematisiert wurde ein für die Versorgungssicherheit sehr
wichtiger politischer Aspekt: Etwa drei Viertel der internationalen
Kraftwerkskohlenlieferungen kommen aus Ländern, deren politische
Stabilität nach einer Weltbank-Klassifikation als bedenklich bis sehr
bedenklich einzustufen ist. Die drei Länder, die den atlantischen
Handel bestreiten, gelten alle als bedenklich bis sehr bedenklich.

Originaltext: GVST GV d. deut. Steinkohlebergbaus
Digitale Pressemappe: http://presseportal.de/story.htx?firmaid=54802
Pressemappe via RSS : feed://presseportal.de/rss/pm_54802.rss2

Pressekontakt:
Gesamtverband des deutschen Steinkohlenbergbaus
Andreas-Peter Sitte
Rellinghauser Str. 1
45128 Essen
Tel.: 0201/177-4320
Fax: 0201/177-4271
E-Mail: andreas-peter.sitte@gvst.de
 
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