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Südwest Presse: Leitartikel: Tarifpolitik

Geschrieben am 01.05.2007 - [Nächster Artikel]

Ulm (ots) - Wer hätte das nach der früheren krisenhaften
Zuspitzung gedacht: Die Arbeitslosenzahl ist unter vier Millionen
gefallen.Das ist zwar immer noch unerträglich hoch, aber allein die
Metall- und Elektroindustrie hat im vergangenen Jahr 35 000 neue
Vollzeitstellen geschaffen. Das befürchtete Zeitalter eines Wachstums
ohne Jobs währte nur kurz. Niemand bestreitet mehr, dass der starke
Stellenzuwachs in der wichtigsten Branche auch viel damit zu tun hat,
dass die Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit gesteigert haben -
auch indem sie den Anstieg der Arbeitskosten bremsten.
Ob die Metall-Gewerkschaft dabei aus Einsicht oder nur aus Ohnmacht
mitmachte, mag dahingestellt sein. Für die neue Tarifrunde jedenfalls
hat sie das Ende der Bescheidenheit ausgerufen. Sollten die
derzeitigen Warnstreiks nach der entscheidenden fünften
Verhandlungsrunde am morgigen Donnerstag in einen Arbeitskampf
münden, wäre dies jedenfalls das Ende tarifpolitischer Vernunft.
Es ist ja unbestritten, dass die Branche ein gutes Jahr hinter und
mit aller Wahrscheinlichkeit auch noch vor sich hat. Aber im
Gegensatz zu vielen anderen Beschäftigten haben die ohnehin nicht
schlecht entlohnten Metaller auch in der Vergangenheit ein reales
Plus in der Lohntüte gehabt. In diesem Jahr, nur zwölf Monate nach
der Erhöhung um drei Prozent, kommt ein weiterer Zuschlag.
Dennoch droht die IG Metall mit Streik. Eine Annäherung beider Seiten
war bisher zumindest in der Öffentlichkeit nicht sichtbar geworden.
Das muss allerdings nichts bedeuten. Wirkliche Gefahr wächst eher
daraus, dass die Gewerkschaft im Wissen um ihre gute
Verhandlungsposition überzieht. Denn die Furcht der Arbeitgeber vor
dem Streik macht sie zu schwachen Verhandlungspartnern. Wer auf
dicken Auftragsbüchern sitzt und mit einem Ausstand viel zu verlieren
hat, wird im Zweifelsfall eher einem zu hohen Abschluss zustimmen als
einen Streik riskieren.
Mit jedem Prozentzehntel hinter der Vier könnte zwar die IG Metall
bei ihrer Klientel punkten. Aber es wäre nur ein Pyrrhus-Sieg. Denn
die Anpassung der Unternehmen müsste zwangsläufig so ausfallen, wie
man das in der Vergangenheit oft genug erlebt hat: Die Konzerne
verlagern Arbeit ins Ausland, der Mittelstand baut im Inland Personal
ab oder nicht weiter auf. Und die IG Metall sähe sich zu Recht dem
Vorwurf ausgesetzt, Arbeitsplätze vernichtet zu haben.
Ein Zweites ist zu befürchten: Die IG Metall wird sich erfolgreich
gegen eine Weiterentwicklung einer variableren Lohnstruktur wehren,
wie sie die Arbeitgeber mit dem Konjunktur-Bonus vorgeschlagen haben.
Zwar war im Tarifvertrag 2006 dieses Element mit einer von der
wirtschaftlichen Lage des einzelnen Betriebes abhängigen
Einmalzahlung von 310 Euro bereits eingeführt und danach in der
Praxis auch öfters zum Wohle als zum Schaden der Arbeitnehmer
umgesetzt worden. Doch jetzt sperrt sich IG-Metall-Chef Jürgen Peters
dagegen, über eine auf die Laufzeit des Tarifvertrages beschränkte
prozentuale Entgelterhöhung auch nur zu verhandeln.
Die Stärke der IG Metall ist trügerisch. Denn es steht außer Zweifel,
dass den Flächentarifvertrag zukunftsfest macht, wer ihn flexibler
macht. Chemie und Bau haben mit ihren geräuschlosen Abschlüssen den
Weg gewiesen und zu den tabellenerhöhenden auch variable Prozente
vereinbart. Entscheidender als das eine oder andere Prozentzehntel
ist, dass ein Teil der Erhöhung mit Verfallsdatum versehen und nicht
zum festen Kostenblock auf Jahre hinaus wird.
Die Folgen, die das beim nächsten Abflauen der Konjunktur hat, sind
jetzt schon bekannt. Das ganze Land profitierte, wenn die IG Metall
ihre momentane Macht in den Dienst einer variableren Lohnpolitik
stellte. Tut sie das nicht, wird ihre Stärke bald wieder zur Schwäche
werden.

Originaltext: Südwest Presse
Digitale Pressemappe: http://presseportal.de/story.htx?firmaid=59110
Pressemappe via RSS : feed://presseportal.de/rss/pm_59110.rss2

Pressekontakt:
Rückfragen bitte an:
Südwest Presse
Lothar Tolks
Telefon: 0731/156218
 
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