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Anzeichen für Engpässe auch am Steinkohlenweltmarkt

Geschrieben am 23.10.2006 - [Nächster Artikel]

Essen (ots) - In der kohlepolitischen Debatte wird häufig
behauptet, Kohle gebe es auf der Welt überall oder sie sei jedenfalls
"geostrategisch günstiger verteilt" als Erdöl und -gas. Das ist nicht
ganz falsch und doch nur die halbe Wahrheit. Inzwischen hat sich auch
herumgesprochen: Weltweit findet, wie es der SPIEGEL vor kurzem in
einer Serie und einem Sonderheft ausgedrückt hat, ein "Kampf um
Rohstoffe - die knappen Schätze der Erde" statt. Die globale
Nachfrage nach Rohstoffen wächst schneller als das Angebot, der
westlichen Welt drohen dramatische Verteilungskämpfe mit den
wirtschaftlich aufstrebenden Schwellenländern, allen voran China. Das
betrifft Minerale und Metalle ebenso wie Energierohstoffe. Und es
betrifft zunehmend auch die Kohle. Erst recht gilt das bei einer
immer größeren Importabhängigkeit, die bei einem Auslaufen des
heimischen Steinkohlenbergbaus - was bedeutende politische Kräfte im
Land anstreben - bei der Steinkohle auf 100 % steigen würde. Und das,
obwohl es große heimische Vorkommen gibt. Das Argument der
Versorgungssicherheit durch heimische Steinkohle stützt sich mehr
denn je auf stichhaltige Fakten. Auch am Steinkohlenweltmarkt sind
Engpässe möglich. Darauf hat der GVSt in Bezug auf die
Kraftwerkskohle schon vor kurzem hingewiesen (FAA Nr. 30). Sogar
unabhängige Wissenschaftler, die der deutschen Steinkohle und ihrer
weiteren staatlichen Unterstützung mehrheitlich nicht freundlich
gesinnt sind, geben mittlerweile zu: Auch Kohle könnte an den
internationalen Märkten knapp werden. So heißt es in der im Mai 2006
vorgelegten Denkschrift der Nordrhein-Westfälischen Akademie der
Wissenschaften "Die Energieversorgung sichern" wörtlich (S.10): "Im
Gegensatz zu Erdöl wird Kohle, die 55 % der weltweiten Reserven aller
nicht erneuerbaren Energierohstoffe stellt, zumindest noch einigen
Generationen zur Verfügung stehen, selbst wenn ihr Verbrauch auch
infolge der weitaus schneller versiegenden Erdölreserven zunehmen
wird. Dennoch gibt es auch hier Anzeichen für Engpässe. Nur einige
zehn Millionen Tonnen Mehrbedarf in China führten in den letzten
Jahren zu einer Verdopplung des Importpreises und sogar bis zu einer
Vervierfachung des Kokspreises. Engpässe bei Transportschiffen und
Verladeanlagen taten ihr Übriges. Die Angebotskonzentration ist weit
fortgeschritten. Rund 50 % der weltweiten seewärtigen Kohlenexporte
werden von nur 10 Unternehmen durchgeführt. Deren Möglichkeiten zur
Beeinflussung von Mengen und Preisen nehmen zu."

Wenn diese Einschätzung zutrifft, könnten Engpässe und
Preissteigerungen, wie man sie 2004/2005 im Kokskohle- und Kokssektor
erlebt hat, dann auch im Kraftwerkskohlensektor auftreten - mit
möglicherweise gravierenden Folgen für die nationale Stromversorgung.

Diese Sorge treibt nun auch Dienststellen der Europäische
Kommission um, die sich derzeit darum bemüht, eine langfristig
nachhaltige Kohlenverstromung in der EU durch Forcierung von
Clean-Coal-Technologien sicherzustellen. Solche Einschätzungen decken
sich auch mit den Befunden der jüngsten aktualisierten Studie der
Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) über
"Reserven, Ressourcen und Verfügbarkeit von Energierohstoffen" vom
Oktober 2006.

Darin wird durch viele Fakten belegt, dass der Energieträger Kohle
künftig "eine herausragende Rolle in der Weltenergieversorgung
spielen wird". Denn die BGR geht davon aus, dass in den nächsten
10-15 Jahren der Scheitelpunkt der weltweiten Erdölförderung erreicht
wird ("Peak Oil") und auch die Verfügbarkeit von Erdgas dann
"vermutlich eingeschränkter sein wird als nach heutigen Maßstäben
erwartet". Die Kohle könnte dann weltweit zum Energieträger Nr. 1
avancieren - was sie in der Stromerzeugung längst schon ist.
Langfristig geht an der Kohle, die neben den 55 % der globalen
Reserven gut 60 % der globalen Ressourcen an Energierohstoffen
repräsentiert, sowieso kein Weg vorbei. Neben ihrer anhaltend großen
Bedeutung für die Stromerzeugung wie ebenso für die Stahlproduktion
sieht die BGR große Chancen für die Steinkohle auch als Ölsubstitut
(mittels Vergasung oder Verflüssigung) insbesondere im
Transportsektor, dies vor allem dann, wenn die Klimaproblematik der
Kohle durch die neuen Clean-Coal- bzw. "Zero-Emission"-Technologien
in den nächsten 20 Jahren befriedigend gelöst wird.

Die BGR geht unter Bezugnahme auf andere Prognosen in jedem Fall
davon aus, dass der Weltmarkt für Steinkohle wie in den letzten
Jahren auch in der absehbaren Zukunft sehr dynamisch wachsen wird,
möglicherweise sogar mit steigenden Zuwachsraten.

Dabei gibt es allerdings auch etliche Hindernisse für die weitere
Expansion. "Engpässe" und "Verknappungen" sind daher nach
Einschätzung der BGR (Studie 2006, S. 24) auch im internationalen
Kohlehandel durchaus möglich. Neben der Frage, ob die
Angebotskapazitäten mit der weltweit rasanten Nachfrageentwicklung
mithalten können, zeichnen sich Friktionen in der weiteren Kohlekette
durch begrenzte Hafen-Umschlagskapazitäten und Seefrachtkapazitäten
ab. Derzeit ist z. B. auch der Markt für Bergbauausrüstungen
"teilweise leer gekauft". Die BGR verweist auf den anhaltenden
"Rohstoffhunger" Chinas und prognostiziert, dass China künftig kaum
noch Kohle exportieren wird, sondern sich zusammen mit Indien zur
wichtigsten Importnation für Steinkohle entwickelt.

Explizite Hoffnungen einiger Politiker, dass die VR China als
weltgrößter Kohleproduzent andere Länder dauerhaft mitversorgen würde
und die Steinkohlenproduktion für Deutschland sozusagen nach China
verlagert werden könnte, sind daher nicht berechtigt.

Nicht zu übersehen sind überdies, worauf auch die BGR ähnlich wie
die vorgenannte Denkschrift der Nordrhein-Westfälischen Akademie für
Wissenschaften nachdrücklich hinweist, die "Konzentrationstendenzen
bei den auf dem Weltmarkt tätigen Unternehmen". Die BGR beziffert den
Anteil der "Big Four" unter den multinationalen Rohstoffunternehmen,
das ist die sog. RBXA-Gruppe (Rio Tinto, BHP Billiton,
XStrata/Glencore und AngloAmerican), an der weltweiten
Exportproduktion für Steinkohle auf etwa ein Drittel. Zugleich gehen
rd. 50 % der Ausbauprojekte auf ihr Konto. Innerhalb dieser
marktmächtigen Gruppe verfügt ein einziges Unternehmen, BHP Billiton,
über 30 % der weltweiten Exportkapazitäten speziell bei der
Kokskohle.

Ohnehin außerordentlich hoch und - entgegen weit verbreiteten
Behauptungen - höher noch als bei Erdöl und Erdgas ist die
Konzentration der weltweiten Förderung, der Reserven und Ressourcen
an Steinkohle in einigen wenigen Ländern. Zwar gibt es im Kohlesektor
keine vergleichbare Organisation wie die OPEC, keine so starke
regionale Reservenkonzentration wie bei Öl und Gas im Nahen Osten und
kein russisches Produktionsmonopol wie bei Gasprom, doch hat auch bei
der Kohle die Geologie geopolitische Konsequenzen: Die langfristigen
Perspektiven des Weltkohleangebots werden von vier Großmächten - USA,
China, Indien und Russland - bestimmt werden, auf die nach Stand 2005
gemäß den BGR-Angaben 77 % der Förderung, 70 % der Reserven und 81 %
der Ressourcen an Kohle in der Welt entfallen.

Wenn in Deutschland politisch entschieden werden sollte, die
heimische Steinkohlenförderung und damit den Zugriff auf die größten
nationalen Energierohstoffvorkommen völlig aufzugeben und sich
demzufolge in der Steinkohlenversorgung zu 100 % von Importkohle
abhängig zu machen, würde dies neben allen sonstigen Konsequenzen
bedeuten, hier trotz der verfügbaren Option auf einen eigenen Bergbau
über kurz oder lang in ökonomische und politische Risiken
hineinzulaufen, für die es deutliche Anzeichen bereits gibt. Es würde
gleichzeitig bedeuten, der international führenden deutschen
Bergbautechnologie, die durch die wachsende Weltkohlenproduktion
große Marktchancen hat, die heimische Absatz- und Referenzbasis und
die damit verbundenen Beschäftigungs- und Wertschöpfungspotenziale am
Standort Deutschland zu entziehen. Kann dies sinnvoll und
verantwortbar sein?


Weltweite Länderkonzentration bei Steinkohle, Erdgas und Erdöl

Energieträger Förderung Reserven Ressourcen
Steinkohle
Größtes Land 42,6 % 29,3 % 44,6%
(China) (USA) (Russland)
Größte vier Länder 76,6 % 70,0 % 80,5 %
Größte zehn Länder 93,8 % 93,5 % 93,8 %

Erdgas
Größtes Land 22,4 % 26,4 % 40,1 %
(Russland) (Russland) (Russland)
Größte vier Länder 50,7 % 60,0 % 58,0 %
Größte zehn Länder 64,8 % 75,9 % 74,3 %

Erdöl
Größtes Land 13,5 % 22,3 % 16,5 %
(Saudi- (Saudi- (Russland)
Arabien) Arabien)
Größte vier Länder 38,4 % 51,7 % 41,7 %
Größte zehn Länder 62,5 % 83,5 % 62,1 %

Quelle: BGR 2006


Originaltext: GVST GV d. deut. Steinkohlebergbaus
Digitale Pressemappe: http://presseportal.de/story.htx?firmaid=54802
Pressemappe via RSS : feed://presseportal.de/rss/pm_54802.rss2

Pressekontakt:
Gesamtverband des deutschen Steinkohlenbergbaus
Andreas-Peter Sitte
Rellinghauser Str. 1
45128 Essen
Tel.: 0201/177-4320
Fax: 0201/177-4271
E-Mail: andreas-peter.sitte@gvst.de
 
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