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Biologische Kettenreaktion bedroht sensibles Ökosystem Ostsee

Geschrieben am 08.08.2006 - [Nächster Artikel]

Hamburg/Radolfzell (ots) - Hitzesommer und Intensivlandwirtschaft
lösen gefährliche Algenpest aus und bedrohen die Tierwelt im
Ostseeraum - Deutsche Umwelthilfe (DUH) und Gesellschaft zum Schutz
der Meeressäugetiere (GSM) rufen zu verstärkten Anstrengungen gegen
die Überdüngung auf.

Mit dem Jahrhundertsommer drohen der Ostsee dramatische Folgen bis
hin zum Kollaps ganzer Ökosysteme. Das kränkelnde Brackwassermeer
leidet immer noch unter der anhaltenden Intensivlandwirtschaft seiner
Anrainerstaaten. Infolge lang andauernder Hitze und
Sonneneinstrahlung entwickeln sich vielerorts explosionsartig giftige
Blaualgen, die wiederum in einer Art biologischer Kettenreaktion die
Ostsee-Fauna bedrohen. Darauf haben die Deutsche Umwelthilfe (DUH)
und die Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere e. V. (GSM)
hingewiesen.

Gelbe Algenteppiche schwappen in diesen Tagen an viele Strände.
Was für Badegäste unangenehm und mitunter auch gefährlich ist,
bedroht die Tierwelt existenziell. Die Ursache sind Cyanobakterien.
Sie heißen trotz ihrer grell-gelben Farbe Blaualgen, weil sie giftige
Blausäure enthalten und breiten sich unter den derzeit in der Ostsee
herrschenden Bedingungen mit rasender Geschwindigkeit aus. "Während
Nitrate und Phosphate von Natur aus so genannte Minimumstoffe
darstellen, die das Algenwachstum einst begrenzten, sorgen die
Düngemittel der modernen Landwirtschaft mit ihrer Massenproduktion
für Überdüngung - in fast allen Gewässern", erläutert die
Meeresbiologin und Vorsitzende der GSM Petra Deimer.

Aus Fäden zusammengesetzt, lassen die Blaualgen das Meer zunächst
wie eine Nudelsuppe aussehen, ehe Strömung und Wind sie zu ekligen
Teppichen zusammentreiben. "Die Ostsee befindet sich in einer
Grenzsituation, die in einer ökologischen Katastrophe enden kann",
mahnte bereits 2003 der Hamburger Meeresbiologe Prof. Olaf Giere.
Nach dem Zusammenbruch der Blaualgen-Blüte werden die Reste am Boden
abgebaut, unter massivem Schwund von Sauerstoff. Die giftigen
Substanzen bleiben dem Ökosystem erhalten.

Schon jetzt seien fast alle Tiefenzonen der Ostsee ökologisch tot
und könnten wegen des mangelnden Eintrags von frischem,
sauerstoffhaltigem Wasser aus der Nordsee kaum noch regenerieren. Die
Teppiche aus Blaualgen und abgestorbenem Seegras entziehen dem
Meerwasser zusätzlich Sauerstoff. Insofern machen sich
Kurverwaltungen, die mit erheblichem Aufwand versuchen, der
Seegrasschwemme an den Stränden Herr zu werden, nicht nur um das Wohl
ihrer Gäste, sondern auch um das der Ostseefauna verdient. Deimer:
"Jede Fuhre Seegras, die vom Strand abgefahren wird und nicht unter
weiterer Sauerstoffzehrung im Meer verfault, ist geradezu ein Segen."

Grün-braune Fadenalgen, die sich ebenfalls heftig vermehren, legen
sich wie "Leichentücher" auf Muschelbänke sowie andere am Boden
lebende Tiere und bringen ihnen den Tod durch Ersticken. Die
Genesung der kranken Ostsee wird nach Überzeugung der Naturschützer
mit jedem Jahr schwerer, die möglichen Folgen für die Tierwelt immer
bedrohlicher.

Von Sauerstoffmangel und Massensterben betroffen sind Fische und
andere Lebewesen, wie Krebse, Seepocken oder Miesmuscheln, die unter
normalen Umständen eine Art "reinigende Filterfunktion" im Wasser
erfüllen. Die Blaualgen, die weltweit in mehr als 2000 Arten
auftreten, setzen teilweise während ihres Absterbens Giftstoffe frei,
die sogar Wasservögel bedrohen und töten können, die von dem Wasser
trinken.

Die Stress-Belastung des Ökosystems Ostsee verstärkt sich
regelmäßig durch eine der Algenpest nachfolgende massenhafte
Entwicklung von Quallen. Zuletzt war das im Hitzesommer 2003 der
Fall. Zu viele Quallen fressen zu viele junge Fische und andere
Kleinlebewesen.

"Als 1988 im nördlichen Atlantik eine Algenpest ausbrach, starben
nicht nur Fische in Massen, sondern auch viele Delfine", erinnert
Deimer. "Sie hatten vergiftete Fische gefressen. Für den Schweinswal
in der Ostsee können vergiftete Fische lebensbedrohlich werden".

DUH-Bundesgeschäftsführer Jörg Dürr-Pucher forderte, die
Bemühungen um eine EU-weite Agrarreform weg von
Intensivlandwirtschaft, Massenproduktion und Überdüngung zu
verstärken. "Für eine europäische Agrarreform gibt es viele gute
Gründe: Algenpest und Quallenplage in der Ostsee ist einer, der viel
zu oft verdrängt wird."

Originaltext: Deutsche Umwelthilfe e.V.
Digitale Pressemappe: http://presseportal.de/story.htx?firmaid=22521
Pressemappe via RSS : feed://presseportal.de/rss/pm_22521.rss2

Für Rückfragen:

GSM - Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere e. V.,
Frau Petra Deimer, Garstedter Weg 4, 25474 Hasloh,
Tel: 04106 620601, Fax: 04106 620907, E-Mail: info@gsm-ev.de

Deutsche Umwelthilfe e.V., Jörg Dürr-Pucher, Bundesgeschäftsführer,
Fritz-Reichle-Ring 4, 78315 Radolfzell, Tel: 07732 9995 0,
Fax: 07732 9995 77, E-Mail:duerr-pucher@duh.de
 
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