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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zum Thema "Die Intellektuellen"

Geschrieben am 11-11-2008

Bielefeld (ots) - Martina Gedeck hält ein Referat über die RAF:
»Ulrike Meinhof griff zur Waffe, nachdem sie jahrelang mit Worten
gekämpft hatte, sich die Gesellschaft aber trotzdem nicht änderte.«
Wäre dies wahr, dann müsste jeder Journalist irgendwann zum Mörder
werden.
Martina Gedeck ist Schauspielerin. Qualifiziert sie das, uns die Welt
zu erklären? Offensichtlich: Veronica Ferres analysiert bei Reinhold
Beckmann, warum die DDR unterging, denn sie war »Die Frau vom
Checkpoint Charlie«. Die lange mit einem jüdischen Schuhhändler
liierte Iris Berben soll sagen, wieso der Nationalsozialismus die
Juden vernichtete, und wer keine Schmerzen an der deutschen
Geschichte verspürte, sondern bloß im eigenen Körper, stoppte den
(mittlerweile verstorbenen) Klausjürgen Wussow auf offener Straße,
Herr Professor Brinkmann, ich hab da so ein Ziehen im Brustkorb . . .
Der Bürger sucht Orientierung, gerade in der Krise, und es gab
Zeiten, da standen die Wegweiser an jeder Ecke. Als Willy Brandt mehr
Demokratie wagen musste, wenn der deutsche Michel nicht die Moderne
verschlafen wollte, rissen sie sich um das Megaphon, Grass und
Habermas, Harpprecht und Härtling, Jens und Lenz - mir nach!
Herrlichen Zeiten führen wir euch entgegen.
Heute bräuchten wir sie wieder, doch wo sind die Intellektuellen, die
berufen sind, den Finger auf Wunden zu legen? Wer nutzt heute seine
durch wissenschaftliche oder künstlerische Leistung erworbene
Autorität und tritt im Widerstreit von Macht und Geist als
Verteidiger des Geistes auf?
Keiner mehr da. Heute sieht der Historiker in den 68ern neue Nazis
(Götz Aly), hält der Publizist Toleranz für gesellschaftlichen
Selbstmord (Henryk M. Broder) und fräst der Philosoph den ersten Satz
der Selbsterkenntnis in Stein: »ich hasse, also bin ich« (André
Glucksmann). Auf der anderen Seite des Rheins werden diese Leute
querelleurs genannt, Radaubrüder, denn den Franzosen missfällt es,
wenn die Sicherungen aus den Hirnen fliegen, dass es knallt. Mit
solchem Unsinn lösen wir kein heutiges Problem.
Vereinzelt wird bereits der Verdacht laut, das sei womöglich eine
Charakterfrage. Ein unfairer Vorwurf? Möglich. Andererseits ist von
der bezwingenden Geisteskraft eines Theodor Mommsen, eines Thomas
Mann oder auch nur eines Heinrich Böll wenig zu spüren. Von Luther
wollen wir gar nicht erst anfangen, obwohl es sich in diesen
Novembertagen schon aus biographischen Gründen anböte.
Die Chancen der Jungen auf Bildung und Arbeit sinken, die Bundeswehr
droht den Rubikon zu überschreiten, weil Innenminister Wolfgang
Schäuble den Bürger als Feind betrachtet, Aktienkurse über alles,
über alles in der Welt: Es gibt viel, das sich zu kritisieren lohnt.
Man kann nicht leidenschaftslos auf dem Sofa hocken bleiben, während
die Hasardeure in Wirtschaft und Politik den Bürger in seiner
Existenz bedrohen. Die Wurzeln der Intellektuellen liegen in der
Aufklärung. Jetzt gilt es, deren Errungenschaften zu verteidigen.

Originaltext: Westfalen-Blatt
Digitale Pressemappe: http://www.presseportal.de/pm/66306
Pressemappe via RSS : http://www.presseportal.de/rss/pm_66306.rss2

Pressekontakt:
Westfalen-Blatt
Nachrichtenleiter
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 - 585261


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