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DER STANDARD-KOMMENTAR "Fußball und Damokles" von Fritz Neumann

Geschrieben am 08.06.2006 - [Nächster Artikel]

Ausgabe vom 9.6.2006

Wien (ots) - Zeit ist es schon gewesen, und Zeit wird’s. Ab heute,
ab 18 Uhr, ab Deutschland gegen Costa Rica, ab sofort soll einfach
nur Fußball gespielt und geschaut werden. Ein Ende hat’s mit
Vorbereiten, Proben, Üben und Eröffnen, mit Countdown-Herunterzählen
und Werbetrommelrühren, nun wird gekickt und gejubelt, geweint, der
Schiedsrichter verdammt.

Die Welt ist zu Gast bei Freunden - so lange jedenfalls, solange
sich kein dunkelhäutiger WM-Besucher in eine No-go-Area verirrt. Das
war und bleibt pervers, dass gegeißelt wurde, wer Offensichtliches
öffentlich ansprach. Als wäre es besser gewesen, stillschweigend das
eine oder andere rechtsradikale Übergrifferl in Kauf zu nehmen, bloß
um dem deutschen Image nicht zu schaden. Stephan Kramer,
Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, nennt es
"erschreckend", dass sich die Politik anlässlich der WM mehr um den
Ruf Deutschlands sorge als um den Schutz von Ausländern. "No-go-Areas
darf es nicht geben", sagt Innenminister Wolfgang Schäuble. Es gibt
sie.

Internationale Reiseführer raten, bestimmte Gegenden zu "meiden,
wenn man homosexuell oder nicht deutsch aussieht". Und womit man
warnt? Mit Recht! Natürlich gibt es für Minderheiten wie Ausländer
oder Homosexuelle No-go-Areas im Osten, natürlich gibt es auch im
Westen Deutschlands nicht nur Go-Areas. Als weißer Tourist wird man
auch nicht blindlings und nächtens durch Nairobi oder Detroit
schlendern. Wer da oder dort Gastgeber ist und sich und anderen etwas
vormacht, läuft Gefahr, einer Mittäterschaft schuldig zu werden.

Rechtsextremismus und Hooliganismus, vielleicht noch gekoppelt,
sind die größte Sorge der WM-Organisatoren. Dem Vernehmen nach ist
aus England noch relativ wenig zu befürchten, England hat vor Jahren
schon damit begonnen, Hooligan-Dateien zu erstellen, und tausenden
gewaltbereiten Fans sicherheitshalber die Ausreise verboten. Gefahr
droht vor allem aus dem Osten Europas, speziell in Polen schlagen
sich Fanatiker mit unschöner Regelmäßigkeit die Glatzköpfe ein. Nun
hat Polen zig Einheiten aus dem Osten abgezogen, um an der Grenze zu
Deutschland schon möglichst viele Radaubrüder aus dem Verkehr zu
ziehen.

Rassismus in Fußball-Nähe ist kein Zufall, das Stadion ein Hort
der Anonymität, in dem Gewalt und Drohungen und/oder rechtsextreme
Anwandlungen zudem lange Zeit geduldet wurden. Der allmächtige
Fußball-Weltverband, die FIFA, hat das Problem heruntergespielt und
seine Dimension zu spät erkannt. Die Grenze wurde nicht erst, aber
besonders krass in Italien überschritten, als der Kapitän von Lazio
Rom, Paolo di Canio, gar nicht anonym landauf, landab nach jedem Tor
römisch grüßte. Und als Zoro, FC-Messina-Verteidiger von der
Elfenbeinküste, von Inter-Mailand-Fans so lange mit Affenlauten
verhöhnt wurde, dass er mit dem Ball in der Hand das Spielfeld
verließ und den Referee bat, die Partie zu unterbrechen.

Offiziell tritt der Fußball gern gegen Rassismus auf. In Italien
hat nach dem Fall Zoro eine ganze Meisterschaftsrunde mit
fünfminütiger Verspätung begonnen. Schon bei der WM sollen nun
immerhin einem Team drei Punkte abgezogen werden, wenn ein Spieler
oder Offizieller sich "diskriminierend oder menschenverachtend
verhält". Ab Herbst sollen sogar Klubs mit ähnlicher Härte bestraft
werden, wenn ihre Fans sich danebenbenehmen. Um wirklich glaubhaft zu
werden, muss der Fußball beinhart durchgreifen. Zeit ist’s,
allerhöchste.

Rückfragehinweis:
Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445

Originaltext: Der Standard
Digitale Pressemappe: http://presseportal.de/story.htx?firmaid=62553
Pressemappe via RSS : feed://presseportal.de/rss/pm_62553.rss2
 
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