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Landeszeitung Lüneburg: ,,Unsere Agrarpolitik ist pervers" Interview mit Foodwatch-Gründer Thilo Bode. Bode macht die Industriestaaten mitverantwortlich für die Ernährungskrise.

Geschrieben am 01.05.2008 - [Nächster Artikel]

Lüneburg (ots) - Die Ernährungskrise hat den Erdball im Griff: In
zig Staaten revoltieren Menschen, die nicht mehr satt werden, weil
die Preise für Lebensmittel explodieren. Der Internationale
Währungsfonds warnt vor dramatischen Folgen: "Es besteht die Gefahr
von Kriegen, das Schlimmste liegt vielleicht noch vor uns", sagte
IWF-Chef Strauss-Kahn. Foodwatch-Gründer Thilo Bode macht die
Industriestaaten mitverantwortlich für die Krise.

Nie zuvor ernteten Bauern so viel Getreide. Dennoch reicht es
nicht. Frisst die Bevölkerungsexplosion die Lebensgrundlage der
Menschheit auf?
Dr. Thilo Bode: Ich bestreite, dass die Nahrungsmittelmenge für die
Menschheit nicht reicht. Diese Krise ist nicht nur eine Frage des
verfügbaren Angebots. Knapp eine Milliarde Menschen in der Dritten
Welt hungern, weil sie nicht genügend Kaufkraft haben.

Steigender Wohlstand nährt den Appetit auf Fleisch. Die
verfügbaren Ackerbauflächen schrumpfen. Lässt sich Fortschritt nur
auf Kosten anderer erreichen?
Bode: Bei den aktuellen Preissteigerungen spielt der Anbau von
Energiepflanzen die dominante Rolle. Das gilt besonders für die USA,
die ein Drittel ihrer Maisernte von 2007 für ihr Ethanol-Programm
verbraucht haben. Die britische Wochenzeitschrift "Economist"
schätzt, dass damit mehr als die Hälfte der akuten Preissteigerungen
erklärt werden kann. Die steigende und sich wandelnde Nachfrage der
Schwellenländer ist ein langsamer Prozess und hat nichts mit der
derzeitigen Krise zu tun. Langfristig wird die verstärkte Nachfrage
nach Fleisch allerdings ein Problem: Die Fläche für Getreide- und
Futteranbau ist begrenzt. Folglich wird Fleisch künftig sehr viel
teurer werden.

Die Industriestaaten begegnen dem Klimawandel unter anderem mit
Biotreibstoffen. Wird das Klima auf dem Rü"cken der Schwächsten
geschützt?
Bode: Wenn die Industriestaaten den Klimawandel wirklich bekämpfen
wollen, müssen sie es möglichst kostengünstig machen. Doch der
heutige Biosprit ist in keiner Weise kostengünstig. Bei Diesel aus
Raps rechnet man mit Vermeidungskosten, also dem Geld, das man
aufwendet, um eine Tonne CO2 zu vermeiden, von bis zu 300 Euro. Das
sind Zahlen des Wissenschaftlichen Beirats des
Landwirtschaftsministeriums. Ein solcher Biosprit-Saldo ist
ökonomischer und ökologischer Wahnsinn, zumal die Tonne CO2 derzeit
an der Börse mit rund 30 Euro gehandelt wird. Wenn die
Energiepflanzen zudem noch importiert werden, wird die Ökobilanz
äußerst fraglich. Zudem treten weltweit soziale Verwerfungen auf,
weil die Pflanzen für den Tank und die für den Teller auf den Äckern
konkurrieren und folglich die Lebensmittelpreise steigen.

Spekulanten halten über Warentermingeschäfte die Rechte an bis zu
zwei kommenden Ernten bei einzelnen Getreidesorten, was den Preis
explodieren lässt. Frisst der Kapitalismus seine Basis?
Bode: Das hat man bei der Ölpreisexplosion auch immer gesagt. Doch
Spekulanten verschärfen lediglich die vorhandenen Trends. Ihre Wetten
auf steigende oder fallende Preise müssen auch aufgehen -- letztlich
werden sie immer wieder auf den Boden der Realwirtschaft
zurückgeholt. Werden allerdings keine Maßnahmen ergriffen, um die
Nachfrage zu befriedigen, wird die Spekulation anhalten. Davon ist
aber nicht auszugehen. Die Milch ist das beste Beispiel dafür, wie
die Produktion anziehen kann und die Preise schließlich sinken.

Nahrungsmittelkonzerne preisen maßgeschneidertes Saatgut aus dem
Labor an. Macht Gentechnik die Dritte Welt satt?
Bode: Die Gentechnik kann industriellen Agrarbetrieben Kosten
ersparen, weil die Pflanzen resistenter gegen Schädlings- und
Unkrautvernichtungsmittel gemacht werden. Der Verbraucher wird dies
in den Preisen nicht bemerken. Das Problem der Dritten Welt ist
nicht, keine geeigneten Pflanzen zu haben -- im Gegenteil. Die Bauern
haben über Generationen hervorragend angepasste Nutzpflanzen
gezüchtet. Das Hauptproblem der Dritten Welt ist vielmehr, dass den
Bauern der Anreiz fehlt, weil die Preise zu niedrig sind oder Märkte
für ihre Produkte gleich ganz fehlen. Dass die Preise jetzt in der
Hungerkrise hochschnellen, hilft den Bauern nicht direkt. Nötig wären
verlässliche, langfristige Absatzchancen.

Verschärft die Patentierung von Lebewesen und die Schaffung
unfruchtbarer Nutzpflanzen nur den Nord-Süd-Unterschied, indem es
Agrokonzernen Marktanteile verschafft?
Bode: Vorerst nicht, weil sich Dritte-Welt-Bauern die Lizenzgebühren
für gentechnisch verändertes Saatgut gar nicht leis"ten können. Würde
die Verwendung patentierter Pflanzen allerdings mit massivem
politischen Druck durchgesetzt, wäre die faktische Abhängigkeit der
Bauern die Folge. Generell ist die Gentechnik nicht das versprochene
Zaubermittel. Denn das Problem ist nicht fehlende Technologie,
sondern fehlender Anreiz zu produzieren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stützte ein hungerndes Europa seine
Bauern mit Subventionen. Jetzt sichert die Staatshilfe Marktmacht in
einer globalisierten Welt. Sind die Subventionen noch zeitgemäß?
Bode: Nein, weil man in unserer globalisierten Welt auf einen fairen
Austausch zwischen den Ländern angewiesen ist. Die Agrarpolitik der
Industriestaaten ist pervers. Einerseits verschlingt sie Unsummen --
knapp eine Milliarde Dollar täglich. Zum anderen haben zwar die
Dritte-Welt-Länder ihre Grenzen für unsere Produkte geöffnet, die
erste Welt sich aber abschottet. So können Entwicklungsländer vor
allem ihre verarbeiteten Agrarprodukte nicht exportieren, müssen aber
zugleich hinnehmen, dass die Industriestaaten ihre subventionierten
Güter billig an die Märkte der Entwicklungsländer bringen. Auf
senegalesischen Dorfmärkten können Sie Fleisch und Gemüse aus Europa
günstiger kaufen als von lokalen Anbietern -- und das ist tödlich für
die dortige Landwirtschaft.

Subventionierte Lebensmittel -- egal ob als Hilfe oder als Ware --
nahmen vielen Bauern in der Dritten Welt die Existenzgrundlage.
Fahren wir jetzt die bittere Ernte ein für eine verfehlte
Entwicklungspolitik?
Bode: Das "Gute" an der jetzigen Situation ist, dass jetzt ein
Zustand diskutiert wird, der schon seit Jahrzehnten existiert. Zu den
bisher schon knapp eine Milliarde Hungernden kommen im Moment noch
einige Millionen hinzu -- zumeist Stadtbewohner. In Bangladesh und
Ägypten waren es vor allem die Industriearbeiter, die auf die Straße
gegangen sind. Dennoch besteht der Missstand schon seit Jahrzehnten.
Über diesen Zeitraum nahm die verheerende Wirkung beispielsweise der
EU-Agrarsubventionen noch zu -- allen Versprechungen, diese
abzubauen, zum Trotz.

Ist der Hunger nur ein Verteilungsproblem? Würde es reichen, die
Überschüsse des Nordens im Süden zu verteilen?
Bode: Das wäre wirklich fatal, weil die Bauern vor Ort dann gar
nichts mehr produzieren würden. Zwar gibt es -- zählt man nur die
Kalorien -- genug Nahrung auf der Welt. Gehungert wird, wo Kaufkraft
fehlt und wo Regierungen verfehlte Politik betrieben haben.
Elitebezogene Politik verlor die Massen aus den Augen, förderte die
heimischen Kleinbauern nicht -- selbst bei vorhandenen Ressourcen. So
sank die Kaufkraft der unteren Bevölkerungsschichten kontinuierlich.

Als Antwort auf die Hungerkrise wird oft eine Agrarwende
gefordert. Sollen hiesige Bauern wieder den Ochsenpflug anspannen?
Bode: Nein, die Agrarwende muss das EU-Subventionssys"tem abschaffen
und umweltfreundlich produzieren. Es gibt kein Zurück zum
Ochsenpflug. Vor allem darf der Boden nicht für Biosprit beackert
werden.

Ist ein globalisierter Nahrungsmittelmarkt fatal? Liegt die
Zukunft in einem Zurück zu einem regionalisierten
Nahrungsmittelmarkt?
Bode: Das glaube ich nicht. Es wird auch in Zukunft überall alles
geben. Es kommt aber entscheidend darauf an, wie transparent die
Warenströme sind. Was wir als ,,regionale Produkte" kaufen, sind gar
keine. Bestes Beispiel ist die Münchner Weißwurst: Der Schweinedarm
kommt aus China, das Rindfleisch aus Ungarn, das Schweinefleisch aus
Polen und die Petersilie aus Südafrika. Und das Ganze darf sich dann
"Original Münchner Weißwurst" nennen. Oder bei
Bio-Hagebutten-Marmelade: Die Herkunft muss nicht deklariert werden.
Die Hagebutten kommen jedoch meistens aus Argentinien. Eine regionale
Versorgung klingt charmant, aber man sollte sich keine Illusionen
machen. Im Übrigen: Auch Waren aus der Dritten Welt zu kaufen, ist
gut. Nur der Verbraucher sollte selbst entscheiden können, was er
will -- und das kann er bisher nicht. Es fehlt sowohl an
Zugangsmöglichkeiten zum Markt als auch an Transparenz.

Während Millionen hungern, beschweren sich deutsche Verbraucher
über teures Brot, deutsche Bauern über billige Milch. Ist auf dieser
Insel der Seligen die Brisanz der Hungerkrise noch nicht angekommen?
Bode: Ich denke, die überwiegende Mehrheit der Deutschen kann sich
über vieles beklagen -- aber nicht über unerschwingliche
Lebensmittel. Die sozial Schwächsten jedoch kommen durch die
steigenden Preise in Bedrängnis. Studien haben belegt, dass sie sich
aus Geldmangel -- nicht wegen Bildungsdefiziten -- nicht mehr
ausgewogen ernähren können. Und dass sich deutsche Bauern über die
niedrigen Milchpreise aufregen, ist heuchlerisch. Denn wenn man mehr
Milch produziert als nachgefragt wird, sinkt der Preis. Statt das
Gegenteil zu fordern, sollten die Bauern sich an die Marktgesetze
gewöhnen.

Das Interview führte Joachim Zießler

Originaltext: Landeszeitung Lüneburg
Digitale Pressemappe: http://www.presseportal.de/pm/65442
Pressemappe via RSS : http://www.presseportal.de/rss/pm_65442.rss2

Pressekontakt:
Landeszeitung Lüneburg
Werner Kolbe
Telefon: +49 (04131) 740-282
werner.kolbe@landeszeitung.de
 
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