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Westfalen-Blatt: Das Westfalen-Blatt (Bielefeld) kommentiert:

Geschrieben am 13.04.2008 - [Nächster Artikel]

Bielefeld (ots) - Soso, jetzt wollen die gierigen Rentner also
ihre wachsende Zahl gnadenlos ausnutzen und gönnen den Nachkommen die
Butter auf dem Brot nicht mehr? Wirklich?
Nein, das ist natürlich Unfug! Oma und Opa haben ihre Enkel auch
weiterhin gern, und viele bringen das mit liebevoller und auch
finanzieller Zuwendung täglich zum Ausdruck. Nur unser Rentensystem
ist ein Auslaufmodell, nicht der Zusammenhalt der Generationen. Aber
darf man deswegen erleichtert sein? Nein, denn das Rentenproblem wird
uns noch mehr abverlangen, als wir bisher schon geben. Uns allen.
Auch den Älteren.
Roman Herzog hat mit vielem, was er sagt, Recht. Vor allem, wenn er
das Schielen der Parteistrategen auf Wähler im Seniorenalter
kritisiert. Aber in einem Punkt bildet der Altbundespräsident nicht
die Wirklichkeit ab: wenn er davon spricht, dass die Älteren die
Jüngeren »ausplündern«. Plünderer handeln vorsätzlich und in Kenntnis
ihrer Macht über die schwachen Anderen. Doch solches Wissen kann man
angesichts jahrzehntelanger Desinformation über den Zustand unseres
Rentensystems kaum jemandem unterstellen.
Beim Bürger musste ankommen, die Rentenkasse sei eine Art Bank, der
man sein Geld für einen Sparvertrag zur Verfügung stellt. Doch diese
Bank hat es nie gegeben. Immer haben die Politiker entschieden, wie
viel sie den Rentnern geben wollten. Und das war immer so viel, wie
sie den Jungen abnehmen konnten, ohne dass die aufgeschrieen haben.
Dass nun ein 74-jähriger Altbundespräsident aufschreien muss, zeigt,
wie schlecht die Interessen der kommenden Generationen in diesem Land
vertreten werden. Eine gesetzliche Verpflichtung zu nachhaltiger
Vorbereitung auf die Zukunft gibt es leider nicht. Und viele jüngere
Abgeordnete lassen sich schnell entmutigen.
Damit tut der Nachwuchs es jedoch nur den Etablierten gleich. Denn
das Überbordwerfen sinnvoller Konzepte, sobald Gegenwind naht, ist
zur Regel geworden. Ein Grund könnte der abhanden gekommene Glaube an
die eigene Vermittlungsfähigkeit sein. Beispiele gibt es genug: Von
Kirchhofs Steuervereinfachung redet Angela Merkel öffentlich nicht
mehr, viele SPD-Mitgestalter der Agenda 2010 würden diese gern wem
anders in die Schuhe schieben, und in der CSU mag man aufs bayrische
Rauchverbot nicht mehr angesprochen werden.
Am Ball bleiben ist jedoch das einzige, was ein Riesenproblem wie die
Rentenfrage lösen kann. Dazu gehört, dass wir endlich ausreichend
Kinderbetreuungsmöglichkeiten schaffen, damit mehr Frauen arbeiten
gehen und so für später vorsorgen können. Und dazu gehört, dass die
Altersdiskriminierung auf dem Arbeitsmarkt endet. Es genügt nicht,
wenn die 30-Jährigen das Geld für die 70-Jährigen erwirtschaften. Die
demografische Entwicklung macht es auch notwendig, dass die
60-Jährigen das Geld für die Hundertjährigen erarbeiten. In gelebter
Solidarität unter den Generationen.

Originaltext: Westfalen-Blatt
Digitale Pressemappe: http://www.presseportal.de/pm/66306
Pressemappe via RSS : http://www.presseportal.de/rss/pm_66306.rss2

Pressekontakt:
Westfalen-Blatt
Nachrichtenleiter
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 - 585261
 
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