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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zur Stammzellen-Debatte

Geschrieben am 11.04.2008 - [Nächster Artikel]

Bielefeld (ots) - Klarer Fall von Bundestagskompromiss: Erst keine
Mehrheit für die Freigabe der Stammzellenforschung, dann aber auch
keine für ein Totalverbot, deshalb in der dritten Abstimmung
schließlich eine ausreichende Mehrheit fürs Weitermachen - mit
frischerem Zellmaterial.
Nach der Systematik des Berliner Debattenbetriebs ist die
Stammzellentscheidung ganz einfach. Bei ganzheitlicher Betrachtung
ist sie es überhaupt nicht.
In einer Frage um Leben und Tod gibt es keine Kompromisse. Wer
trotzdem so tut, täuscht jeden - einschließlich sich selbst.
Sind embryonale Stammzellen mehr Sache oder mehr Mensch? Die Antwort
ist unmöglich. Deshalb konnte das Parlament nur »jein« sagen.
Damit müssen wir offen und ehrlich festhalten: Der vom Volk in freier
und geheimer Wahl gewählte Deutsche Bundestag hat stellvertretend für
uns alle am Freitag entschieden, dass man Leben töten darf, um
Forschungen zu erlauben, die möglicherweise anderes Leben bewahren.
Kurzum: Der Embryonenverbrauch im Labor ist zulässig, der Beschluss
ist legitim, er muss von der unterlegenen Seite akzeptiert werden und
das, obwohl er gleich mehrere Menschen- und Grundrechte missachtet.
Der Gesetzgeber hat damit nicht zum ersten Mal gegen menschliches
Leben entschieden. Die inzwischen millionenfach erfolgte
Straffreistellung von Abtreibungen in den ersten drei Monaten der
Schwangerschaft gibt es seit der Ära Helmut Kohl. Auch ist die
gegenwärtige Koalition nicht willens, trotz vertraglicher
Vereinbarung die Tötung behinderten Lebens bis zum neunten Monat zu
beenden. Niemand stört Verhütung mit der Spirale oder die Pille
danach: Auch das sind Verstöße gegen den Grundsatz, dass menschliches
Leben mit der Verschmelzung von Samen und Eizelle beginnt. Politisch
ebenfalls ungeklärt sind manche Gratwanderungen am Ende eines Lebens,
wenn Gnade mit Recht ringt.
Der Grundwert von der Unverletzlichkeit menschlichen Lebens ist
soweit unterlaufen, dass wir ihn fast schon für aufgehoben erklären
müssten.
Hand aufs Herz: Was möglich ist, wird auch gemacht. Die
ungeschriebene Regel wissenschaftlicher Praxis ist am Freitag einmal
mehr nachträglich begünstigt worden.
Vor diesem Hintergrund erscheinen die Heilsversprechen der
Stammzellforschung zweitrangig. Gerade weil der Gesetzgeber so
unsäglich lange keine Meinung hatte, ist auf dem Wissenschaftsgebiet
einiges deutlicher geworden: Trotz weltweit riesiger
Forschungsanstrengungen sind brauchbare Therapien ausgeblieben. Weder
Parkinson noch Demenz oder Lähmungen sind auf absehbare Zeit heilbar.
Wer aktuell an diesen tückischen Krankheiten leidet, darf nur ganz
leise hoffen.
Zu guter Letzt: Aus Sicht der katholischen Bischöfe und vieler
Gläubiger haben sich 346 Bundestagsabgeordnete am Freitag ganz klar
am menschlichen Leben versündigt - allerdings in allerbester Absicht.

Originaltext: Westfalen-Blatt
Digitale Pressemappe: http://www.presseportal.de/pm/66306
Pressemappe via RSS : http://www.presseportal.de/rss/pm_66306.rss2

Pressekontakt:
Westfalen-Blatt
Nachrichtenleiter
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 - 585261
 
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