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LVZ: Die Leipziger Volkszeitung zu Abitur/Kultusminister -

Geschrieben am 06.03.2008 - [Nächster Artikel]

Leipzig (ots) - Von Anita Kecke. Wenn der Westen vom Osten etwas
lernen soll, dann krümmt er sich erst einmal vor Bauchschmerzen. Erst
recht, wenn es nicht nur um den grünen Abbiegepfeil geht, sondern mit
dem zwölfjährigen Abitur mitten ins Herz jahrzehntelang sorgsam
gepflegter ideologischer Grundsatzdebatten trifft. Turbo-Abitur heißt
auf einmal, was im Osten früher gängige Praxis war und was seit der
Wende sächsische und thüringische Schüler nicht nur schadlos
überstanden haben, sondern mit dem sie bei Pisa auch noch souverän
weit vorn mitspielten. Denn die beiden Ministerpräsidenten aus dem
Westen, Kurt Biedenkopf und Bernhard Vogel, hielten aus guten Gründen
am Zwölfjahresabitur fest. Deutschland hat im internationalen
Vergleich schließlich ohnehin viel zu lange Ausbildungszeiten.
In westdeutschen Bundesländern aber haben sich Eltern, Lehrer,
Gewerkschafter und Schüler zu einem Aufschrei gegen die zu starke
Belastung durch das G8-Abitur versammelt. Die Kinder fühlten sich
überfordert, müssten zu viel Stoff in zu kurzer Zeit in sich
hineinstopfen. Es seien zu viele Wochenstunden, für Fußball und
Klavier bliebe keine Zeit mehr, lauten die Klagen. Von gestohlener
Kindheit ist die Rede, von "Kinderschänderei" gar spricht die Chefin
des Bundestags-Bildungsausschusses, Ulla Burchardt (SPD).
Das kann insbesondere im Osten nur Verwunderung auslösen. Schließlich
drängten seinerzeit, als es nur in Ostdeutschland das achtjährige
Gymnasium gab, die alten Bundesländer auf die Einführung einer
Mindestzahl von 265 Unterrichtswochenstunden bis zum Abitur. Das soll
jetzt, da es den Westen auch betrifft, nicht mehr zu schaffen sein?
Nun sind aber die Kinder in Hessen oder Bayern nicht weniger
intelligent und weniger belastbar als die in Sachsen oder Thüringen.
Woher kommen also Unzufriedenheit und Unbehagen? Einige
Kultusminister und Schulleiter in den alten Bundesländern haben
schlicht ihre Hausaufgaben nicht ordentlich gemacht. Einfach ein Jahr
zu streichen und Stunden am Nachmittag draufzupacken, ersetzt kein
Konzept für die Verkürzung des Abiturs. Damit ist der Unmut
vorprogrammiert. Im Osten wurden viel eher die Lehrpläne entrümpelt
und die Unterrichtsgestaltung neu durchdacht. Und die Abiturienten
liegen nicht reihenweise beim Psychiater auf der Couch, wie es der
Aufschrei vermuten lässt.
Das bedeutet keinesfalls, dass die neuen Länder mit ihrem Weg zum
Abitur den Stein der Weisen gefunden haben. Vieles muss - nun
gemeinsam - weiter verbessert werden, um den Druck zu mildern und
Schule gleichzeitig effektiver, zeitgemäßer zu gestalten. Von
modernen Unterrichtsformen über längere Pausen bis zur Ganztagsschule
reicht die noch nicht ausgeschöpfte Palette.
Nun ausgerechnet die Kürzung der Unterrichtsstunden ins Auge zu
fassen, um Kritiker zu beruhigen, ist der einfachste, aber
schlechteste Weg. Es geht schließlich um die Qualität des Abiturs.

Originaltext: Leipziger Volkszeitung
Digitale Pressemappe: http://www.presseportal.de/pm/6351
Pressemappe via RSS : http://www.presseportal.de/rss/pm_6351.rss2

Pressekontakt:
Leipziger Volkszeitung
Redaktion

Telefon: 0341/218 11558
 
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